Berlusconi beteuert nach wie vor, nie für Sex bezahlt zu haben. Bild: KEYSTONE/AP
Es war eine Warnung, die Silvio Berlusconi stärker beunruhigen muss als mancher Leitartikel. «Italien steht vor einer De-Berlusconisierung der Centrodestra», der bürgerlichen Mitte also, sagte Clemente Mastella. Das ist der Mann aus der Nähe von Neapel, der im Januar vergangenen Jahres Geschichte schrieb. Der schillernde Zentrumspolitiker scherte aus Romano Prodis Mitte-links-Koalition aus – und brachte ihn damit zu Fall. Seine Hoffnung, von Berlusconi für den Königsmord noch einmal mit einem Ministeramt bedacht zu werden, ging allerdings nicht auf. Zu sehr kompromittiert war Mastella wegen seiner Verwicklung in einen riesigen Korruptionsskandal.
In den letzten Monaten war es recht ruhig geworden um Mastella und seinesgleichen – jene Politiker aus der Erbmasse der untergegangenen Democrazia Cristiana, die ein Traum eint: dass in der politischen Mitte doch noch eine neue katholische Zentrumspartei entstehen könnte, die mehr wäre als eine Machtbeschaffungsmaschine für Berlusconi.
30 Prostituierte für 18 Partys
Jetzt, da die Enthüllungen um dessen private Ausschweifungen einen neuen Höhepunkt erreicht haben, wittert Mastella seine Chance. «Im Kolosseum ist die Stunde der Gladiatoren gekommen», glaubt er. Zu Hilfe kommt ihm dabei nicht nur das Verhalten des Regierungschefs, der mit seiner sogenannten Herbstattacke selbst Anhänger in den eigenen Reihen verstört.
Dass ausgerechnet das Flaggschiff von Italiens bürgerlichem Establishment, die Zeitung «Corriere della Sera», neue belastende Verhörprotokolle veröffentlichte, muss Berlusconi nervös machen. Gegenüber der Justiz plauderte der Bauunternehmer Gianpaolo Tarantini aus, dass er im vergangenen Herbst für 18 Partys in den Privatresidenzen des Ministerpräsidenten mindestens 30 Edelprostituierte organisiert hat. Berlusconis Beteuerungen, nie gegen Bezahlung Sex in Anspruch genommen zu haben, wirken damit noch unglaubwürdiger.
Zwar weist er nach wie vor jeden Ruf der Opposition nach einem Rücktritt brüsk von sich. Diese, geschwächt und mit den Diadochenkämpfen um die Nachfolge Walter Veltronis beschäftigt, wäre ohnehin nicht in der Lage, einen Wahlkampf durchzustehen oder gar die Regierung zu übernehmen. Doch für Berlusconi steigt die Gefahr, dass seine steile politische Karriere ein unverhofftes Ende nehmen könnte: dass er über sich selbst stürzt, auch wenn er sich am Donnerstag brüstete, «der beste Ministerpräsident in 150 Jahren italienischer Geschichte» zu sein.
Fini, der gefährlichste Gegner
Schon geht das Gespenst von der Spaltung des Volks der Freiheit um. Dabei wurde sie doch erst vor wenigen Monaten offiziell gegründet, indem Berlusconis Forza Italia und die postfaschistische Alleanza nazionale miteinander verschmolzen. Deren starken Mann, Gianfranco Fini, wollte Berlusconi zwar auf dem Posten des Parlamentspräsidenten ruhig stellen. Doch Fini blieb sein gefährlichster innerparteilicher Gegner. Dass er sich Hoffnungen macht, Berlusconi eines Tages zu beerben, und auch Ambitionen hat, Staatspräsident zu werden, ist allgemein bekannt.
Fini ist so mächtig, dass er es wagen kann, Berlusconi unverblümt zu kritisieren. Immer wieder wirft er ihm vor, die Prinzipien der Gewaltenteilung zu missachten und mit seinem harten Vorgehen gegen illegale Einwanderer ein Klima von Angst und Rassismus zu schüren. Auch Berlusconis jüngsten Versuch, die Spannungen schönzureden, wehrte Fini kühl ab. «Es gibt schwerwiegende Differenzen», liess er ausrichten. «In der PdL ist eine Wende nötig», setzte er am Donnerstag nach.
Kein Bündnis von Gleichgesinnten
Deutlicher liess es sich kaum sagen. Die neue Sammelpartei ist ohnehin kein Bündnis von Gleichgesinnten, sondern ein Vehikel, um möglichst viel von der Macht abzubekommen. Sollte Fini den Bruch wagen und gar eine Partei gründen, wäre das der Anfang vom Ende Berlusconis.
Seine Mehrheit gründet ohnehin nur auf den Stimmen, die die Lega Nord bringt – ein höchst unsicherer Kantonist. Seit in Süditalien und auf Sizilien eine Gruppe von PdL-Politikern droht, eine Lega des Südens zu gründen, werden die Zentrifugalkräfte noch stärker. In der Mitte wartet zudem der Christdemokrat Pierferdinando Casini auf die Stunde der Gladiatoren – und mit ihm andere Katholiken, denen die Demokratische Partei zu links ist.
Kirche geht auf Distanz
Unberechenbarer wird für Berlusconi auch seine bisher mächtigste Verbündete. Die Kirche geht auf Distanz zur rigiden Ausländerpolitik der Regierung – und zu einem Regierungschef, dessen Lebenswandel nicht gerade dem entspricht, was man sich unter einem vorbildlichen Familienvater vorstellt. Zu was Berlusconi fähig ist, illustrierte auch die Schmutzkampagne aus seinem Medienimperium gegen «Avvenire», die Zeitung der Bischöfe.
In den Hinterzimmern der Macht werden bereits Optionen und Szenarien für den Tag X durchgespielt. Sollte Berlusconi fallen, würden viele aus seinem Hofstaat mit ihm fallen, und dagegen gilt es schliesslich, Vorsichtsmassnahmen zu treffen. Erst in einer Ära nach Berlusconi wäre die Zeit reif für neue Konstellationen und Bündnisse in dem Vakuum, das der Zerfall des alten Parteiensystems hinterlassen hat. Erst dann wäre der Weg frei für die Dritte Republik.
(Tages-Anzeiger)