«Es gab keinen, der so viel wusste»

Aktualisiert am 21.03.2010
Der bekannte Theologe Hans Küng übt scharfe Kritik am Papst: Benedikt XVI. wisse seit Jahrzehnten vom Ausmass des Missbrauchs in seiner Kirche – und habe mitgeholfen, zu verschleiern.
Hielt die Bischöfe in einem Brief dazu an, den Missbrauch nur nach Rom zu melden: Papst Benedikt XVI. Bild: Reuters

Hans Küng, Professor an der Universität Tübingen, kritisiert Papst Benedikt XVI. nach dessen Brief an die irischen Kaholiken heftig. In einem Interview mit der Tagesschau des «Schweizer Fernsehens» macht Küng klar, dass der frühere Kardinal Joseph Ratzinger seit Jahrzehnten vom sexuellen Missbrauch in seiner Kirche wisse: «Ich glaube, dass ich nicht übertreibe, wenn ich sage: Es gab in der ganzen katholischen Kirche keinen einzigen Mann, der so viel wusste über die Missbrauchsfälle, und zwar ex officio, von seinem Amt her.»

Bereits als Professor in Regensburg, als Erzbischof von München und in seiner 24-jährigen Zeit in der Glaubenskongregation habe der heutige Papst Benedikt XVI. direkt mit den Missbrauchsfällen zu tun gehabt. In dieser Kongregation – also der bereits im Mittelalter gegründeten Zentralbehörde der katholischen Kirche – würden «seit langem alle Missbrauchsfälle zentralisiert, damit sie unter höchster Geheimhaltungsstufe unter der Decke gehalten werden können», wie Küng sagt.

«Es ist eben nichts geschehen»

Als ein prominentes Beispiel für die Mitverantwortung des Papstes nannte Küng einen Brief vom Mai 2001, unterzeichnet mit Joseph Ratzinger. In diesem Schreiben habe der heutige Papst sämtliche Bischöfe der Welt aufgefordert, alle Sexualdelikte mit höchster Geheimhaltung nach Rom zu melden. «Dort sind sie archiviert worden und es ist eben nichts geschehen.»

Der Papst müsse nun die Debatte um den Zölibat und die Sexualmoral freigeben, fordert Küng. «Wenn endlich dieses Zölibatsgesetz abgeschafft würde, wäre schon vieles besser.» Der Theologe ist klar der Meinung, dass das Eheverbot für Priester mit den Missbrauchsfällen zusammenhängt.

«Wir haben seit dem Mittelalter eine verklemmte Theologie der Sexualität», so Küng. Dies zeige sich beim Umgang der katholischen Kirche mit Fragen der Empfängnisverhütung, der Abtreibung und der Frauenordination und kulminiere im Zölibatsgesetz. Dieser verklemmte Umgang sei neben der Vorstellung der Unfehlbarkeit der Grund, warum der Papst seine Mitverantwortung bislang nicht eingestehe.

(oku)

Erstellt: 21.03.2010, 18:55 Uhr

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