Je abwegiger, desto besser: Mit Wetten auf Liverennen zwischen Alligatoren bietet der Onlineanbieter Blue Square Alternativen zur traditionellen Pferdewette. Bild: KEYSTONE/AP
Für die Internetgeneration sind sie «hoffnungslos öde» Zeugen der Vergangenheit. Die landestypischen Läden, in denen man im Neonlicht die Wandzeitungen studiert, seinen Zettel ausfüllt, ihn bei der eingegitterten Kassiererin abgibt – diese Läden haben wenig Reiz für Wettlustige, die lieber nachts daheim bei einem Glas Wein global-elektronisch ihrer Leidenschaft frönen.
«Das Feuer im Leib» sei den Wettbüros schon lange ausgegangen, hat der Autor Sid Chaplin einmal beklagt. Wer sich hier weiterhin trifft, sind die Traditionalisten. Die Unangepassten. Und wer sich dieser Tage noch ungeniert der Working Class, der Arbeiterklasse der Insel, zuzählt. Liebhaber der irischen Lotterie findet man im Wettbüro, Grüppchen schwatzlustiger Zeitgenossen, und immer auch ein paar Leute, die schlicht mit dem einarmigen Banditen spielen wollen.
Münzen und kleine Scheine sind die gängige Währung, nicht kolossale Beträge. Und doch summiert sich das zu ganz gehörigen Summen. Sie mögen ja die Dinosaurier der High Street sein, diese Läden. Aber was in 8700 britischen Wettbüros bis heute durchs Kassengitter geschoben wird, macht den Löwenanteil der 30 Milliarden Pfund aus, die die Wett- und Glücksspielindustrie Grossbritanniens jährlich umsetzt.
Wann wird Prinz Charles König?
Ob sie ihre Stellung im Wettgeschäft erhalten können, wissen die Erben einer langen Tradition auch nicht zu sagen. Sie gehören mittlerweile fast alle zu Zweigstellen der Wettriesen Coral, Ladbrokes oder William Hill. Der Bund der britischen Buchmacher, der sogenannten Bookies, ist jedenfalls überzeugt, dass seine Mitglieder ihr Bestes getan haben, sich in die Moderne herüberzuretten – mit langen Öffnungszeiten, Livesportübertragungen, virtuellen Pferderennen, einladendem Sitzmobiliar und einem reichhaltigen Getränkeangebot.
«Vor allem Fussballwetten» sorgten für neues Publikum, versichert man beim Bund. Auf einen Sieg Chelseas beim nächsten Cupspiel kann man zum Beispiel seinen Fünfer setzen. Aber auch darauf, wann Charles endlich König wird. Oder an welchem Tag in diesem Winter wohl der erste Schnee fällt. Denn ob im Web, am Telefon oder nach alter Väter Sitte im Wettbüro: Der Spass am Wetten ist den Briten nicht abhandengekommen. Er war schon immer so etwas wie ein Charakterzug des Königreichs.
Lange Tradition
Sporadische Wetten um Geld kannte ja schon die englische Nobilität, wenn sie ihre Pferde zu Zweikämpfen antreten liess. Das war zu einer Zeit, als die «unteren Schichten» sich noch mit Kartenspiel und Münzenwerfen vergnügen durften. Nach 1800 aber kamen findige Burschen und Abenteurer darauf, die wachsende Popularität von Pferderennen für ein organisiertes Wettgeschäft zu nutzen.
Mit Bucheinträgen führten jene Pioniere eine neue Form des Wettens ein, auch für Kleinbürger und die rasch anschwellende Arbeiterschaft im Lande. Im frühen 19. Jahrhundert sprach man, im Zusammenhang mit solchen Transaktionsnotizen, erstmals von «Bookmaking» als einer verbreiteten Routine auf den über hundert Rennbahnen des Landes.
Abseits standen die Bookies
Von den «oberen Schichten» zeitlebens verachtet und auf den Rennplatztribünen insbesondere von den Ladys als störend empfunden, erkämpften sich die frühen Bookies doch feste Plätze bei den Rennen, auf kleinen abgezirkelten Rasenstücken abseits der Tribünen. Da stehen ihre Nachfolger mit Kreidetäfelchen und Geldtaschen noch heute.
Ihren Kunden verschafften sie den gewünschten Kitzel und sich selbst einen Lebensunterhalt. Der Siegeslauf der Presse und besonders der Sportzeitungen, die auch in Pubs ausgehängt wurden, ebnete ihnen den Weg zu grösseren Geschäften. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts erfreuten sich Wettstellen abseits der Rennplätze beträchtlicher Popularität.
Doch dann schlugen die Moralhüter der Nation zu, mit einer typisch doppelten Moral. Der Adel durfte weiter, im privaten Kreise, wetten. Den niedrigen Ständen wurde die Buchmacherei verboten. Man müsse der Wettleidenschaft der Arbeiter Einhalt gebieten, um diese vor der «Strasse zum sicheren Ruin» zu retten, argumentierten die Wettgegner. Per Gesetz wurde 1853 ein entsprechendes Verbot verhängt. Dieses Verbot sollte über hundert Jahre lang, bis 1961, in Kraft bleiben.
Das Verbot polarisierte
Nicht alle gesellschaftlichen Kräfte waren vom Sinn des Gesetzes überzeugt. Selbst die konservative Londoner «Times» schüttelte den Kopf darüber, dass bescheidene Wetteinsätze verboten sein sollten, während doch mehr als die Hälfte des britischen Handels «kaum etwas anderes» war als eine Wette, ein gigantisches Glücksspiel. Die vom Verbot Betroffenen suchten sich mit der Gründung von Klubs zu behelfen, die in Wirklichkeit nur neue Wettbüros waren. Die Klubs liessen sich per telegrafischem Ticker mit einem neuartigen Rennservice beliefern. Sie wurden aber regelmässig von der Polizei ausgehoben.
Verschärfte Verbote zwangen die Bookies und ihre Kundschaft zu allerlei Finten. In Tabakgeschäften, Coiffeurläden und kleinen Imbiss-Shops konnte man schon bald heimlich seinen Wettschein abgeben. Die Ladenbesitzer spielten, «im Dienste der Gemeinschaft», eine Doppelrolle. In einzelnen Fällen waren die Geschäfte sogar rein fiktive Verkaufsstellen. Berühmt war ein grosses Zigarettengeschäft in der Stadt Bolton, das keine einzige Zigarette verkaufte. Im Schaufenster lagen nur Attrappen. An der Theke wurden diskret Einsätze entgegengenommen und Gewinne ausgezahlt.
Treffen in dunklen Strassen
Auch Kneipen wurden genutzt für Wettgeschäfte, Einsätze telefonisch verhandelt. An Strassenecken und in dunklen Durchgangswegen traf man, zu bestimmten Zeiten, die örtlichen Bookies. Und in bestimmten Privathäusern konnte man den Wettschein einfach durch den Briefkastenschlitz schieben.
Professor Carl Chinn aus Birmingham, dessen Vater und Grossvater selbst Bookies waren, zeichnete einmal eine Erinnerung seines Vaters auf, der an der Haustür postiert war und den Grossvater auf der gegenüberliegenden Strassenseite beobachten musste: «Wenn der sein Taschentuch herauszog und sich die Nase schnäuzte, musste ich schnell die Tür zumachen, weil die Polizei im Verzug war.»
Das Arme-Leute-Vergnügen
«Wetten, das war der Arme-Leute-Zugang zu einem Freizeitvergnügen», sagt Chinn. «Es sorgte für etwas Aufregung. Es bot einen Schimmer Hoffnung. Darüber hinaus war es eine Lebensweise, ein Lebensgefühl.» Nur in sehr seltenen Fällen seien die Beteiligten echte Risiken eingegangen und hätten statt des Taschengelds die Haushaltskasse aufs Spiel gesetzt, glaubt Chinn selbst. Für Englands Arme, meint der Historiker Jimmy White, sei Wetten «eh kaum eine ungewissere Sache gewesen als das tägliche Roulette ihrer wirtschaftlichen Lage».
Kein Wunder, dass vor allem in den Industriebezirken, etwa im Kohlerevier und in den Eisenbahnerstädten, die Leute sich schützend vor «ihre» Bookies stellten – auch wenn diese ein Mehrfaches von ihnen verdienten. Kein Wunder aber auch, dass nervöse Fabrikanten und religiöse Gruppen umso leidenschaftlicher gegen das Übel wetterten.
Die schlimmsten Sünden
Sauf- und Wettlust seien «die schlimmsten Sünden unserer Kirchgänger», klagte immer wieder lauthals die Geistlichkeit im Lande. Kinder blieben unterernährt, Mieten unbezahlt, das ganze soziale Gefüge komme ins Wackeln. Karikaturisten sahen Buchmacher als «Blutsauger», die ihren Mitmenschen das Hemd vom Leibe stahlen und die Nation ins Unglück stürzten.
Zwiespältig war lange Zeit die Haltung der Arbeiterbewegung zur Wettleidenschaft. Eine Glücksspielen verhaftete Bevölkerung könne man «nicht wirklich für den dauerhaften politischen Kampf organisieren», glaubte noch 1904 der spätere Labour-Premier Ramsay MacDonald. Von da war es ein langer Weg zu den New-Labour-Chefs des ausgehenden 20. Jahrhunderts, die in der Epoche der Konsumfreiheit kein Problem mehr damit haben, dieses «Hobby» zu unterstützen.
Immerhin gehört die Glücksspielindustrie, die 1993 ins Leben gerufene staatliche Lotterie inbegriffen, heute zum Big Business im Königreich. Das Wettgewerbe, das Geschäft der Bookies, trägt 40'000 Arbeitsplätze. Seit es 1961 legalisiert wurde, hat es sich des Geruchs des Verbotenen entledigt, sein Image klassenübergreifend aufpoliert.
Trauern um die Bookies
Inzwischen sind die Fenster nicht mehr zugemalt, durch die man früher nicht schauen durfte. Auch sonntags und bis in den Abend hinein kann gewettet und gespielt werden. Festhalten an örtlichen Restriktionen wäre, im Urteil der Politiker, auch kaum logisch, angesichts des globalen Rund-um-die-Uhr-Betriebs im Internet.
Manch einer auf der Insel trauert natürlich den alten, ehedem unabhängigen und ihren eigenen Stadtvierteln eng verbundenen Bookies nach, die heute am Aussterben sind. Deren Stunde schlug ausgerechnet mit der Legalisierung ihres Gewerbes – aber natürlich auch mit dem Niedergang der alten Industrie, dem Ausbluten vieler traditioneller Arbeiterbezirke im Lande.
Paradoxerweise, meint Professor Chinn, hätten nicht die Anti-Wett-Kampagnen der Vergangenheit diese Bookies zur Strecke gebracht, «sondern der Laissez-faire-Kapitalismus», die Marktkräfte der Moderne. Bald wird man in der Tat Bookies nur noch in ihren Abzirkelungen an den Pferderennen in Ascot oder Newmarket bestaunen können: als lebende Museumsstücke, aus einer anderen Ära.
(Tages-Anzeiger)