Der siegreicher König von Montpellier: Georges Frêche. Bild: Reuters
Man muss einmal die Rue Foch von Montpellier abschreiten, vom Triumphbogen bis zur Place des Martyrs, um das hehre Selbstverständnis von Georges Frêche nachvollziehen zu können. An den noblen Fassaden und schönen Boutiquen vorbei, die Paris nichts zu neiden haben, dann weiter die Rue de la Loge hinunter bis zur grossartigen Esplanade der Place de la Comédie, dem Salon der Stadt mit seinen Palmen und den Cafés im mediterran sanften Licht des Spätwinters. Montpellier ist eine ganz grosse kleine Stadt, eine Viertelmillion Einwohner, mit erstaunlich viel architektonischer Substanz für die Provinz.
Selbstgefälliger Lokalpotentat
Georges Frêche ist der König hier, ein recht selbstgefälliger Lokalpotentat: 71 Jahre alt, Sozialist und Agent provocateur. 27 Jahre lang war er Bürgermeister, bis 2004, und seither ist er Präsident der übergeordneten Region Languedoc-Roussillon. Er geht am Stock, der ihm wie ein Zepter dient, hält Hof. Er ist beliebt, seine Regierungsbilanz gilt als gut. Und wer ihn nicht mag, der fürchtet das Netz seiner Macht. Die französischen Medien nennen Frêche «Kaiser», «Georges I» oder «Baron». Von sich selber sagt der Experte in Römischem Recht: «Ich bin ein brillanter Intellektueller und ein einfacher Mann. Die Leute lieben mich.» Trotz aller verbaler Fauxpas. Oder gerade weil der kluge und belesene Mann so redet, wie sie sonst nur im Bistrot reden. Die Harkis zum Beispiel, jene Algerier, die im Unabhängigkeitskrieg an der Seite Frankreichs kämpften, nannte er einmal «Untermenschen». Fussballer mit afrikanischen oder karibischen Wurzeln fand er im trikoloren Nationalteam zu zahlreich vertreten. Und vor den Regionalwahlen sagte Frêche über Laurent Fabius, einen früheren sozialistischen Premierminister mit jüdischen Vorfahren, der habe «keine sehr katholische Visage».
Der Triumph der Provinz
Die Empörung war gross. Der Parti socialiste entzog ihm seine Unterstützung und schickte eine andere Kandidatin gegen den Genossen mit der ungezügelten Zunge ins Rennen. Der trat mit dem Dictionnaire vor die Medien und erklärte, der Ausdruck «pas très catholique» stehe für Misstrauen, und er habe Fabius nun mal nie über den Weg getraut. Das nahm ihm niemand ab, die Liste der Fehltritte war schon so lang. Und so fragten die nationalen Zeitungen aus Paris: Ist Frêche ein Antisemit? Ist er ein Rassist? Ist er überhaupt ein Linker?
In Montpellier tönte es ganz anders. Die Wochenzeitung «Gazette de Montpellier» zeigte Frêche in einer Zeichnung auf der Frontseite als triumphierenden Märtyrer auf dem Scheiterhaufen. Da war alles drin: das alte Ressentiment der französischen Provinz gegen die ungeliebte Kapitale, die alle Macht an sich reisst. Gegen das Pariser Establishment mit seinen Schöngeistern, den politisch Korrekten, den arroganten Kaviarintellektuellen. Natürlich ist das eine Karikatur, und natürlich ist Paris in Wirklichkeit ein Mosaik aller Regionen Frankreichs. Doch keine Reform hat es je geschafft, die antike Hassliebe der «France profonde» zur Hauptstadt zu rationalisieren. Frankreich bleibt ein stark zentralisiertes Land, und das Zentrum ist Paris. In den 70er-Jahren gab es eine Bewegung, die sich «Paris, ça suffit» (Paris, es reicht!) nannte und Politiker der Peripherie über die Parteigrenzen hinweg vereinte. Der Slogan passt bis heute. Er übersetzt den Verdruss der Provinz gegen die nationale Politik, welche sie die ganze Zeit ignoriert, vor den Wahlen als Stimmreservoir entdeckt und auch noch Moral absondert.
Der König von Montpellier hat es ihnen gezeigt, denen dort oben, in Paris. Im ersten Wahlgang am letzten Sonntag hat er mit 35 Prozent der Stimmen alle überflügelt. Die Kandidatin, die die Pariser Parteizentrale gegen ihn antreten liess, schaffte es nicht in die Stichwahl. Als man Martine Aubry, die Chefin der Sozialisten, fragte, wen die Partei denn nun im zweiten Wahlgang unterstütze, sagte sie: «Wir rufen alle auf, gegen die Rechte und die Rechtsextremen zu stimmen.» Ein indirekter, verdrückter, aber doch deutlicher Wahlaufruf für Frêche, diesen erfolgreichen Unhold. Womit der Triumph der Provinz und ihres Potentaten komplett wäre.
(Tages-Anzeiger)