«Sein Lebensstil nervt und er hat das bemerkt»: Nicolas Sarkozy mit Gattin Carla Bruni. Bild: KEYSTONE/AP
Sarkozys Lager hat in der ersten Runde der Regionalwahlen gegen die Linke mit 39,8 zu 53,6 Prozent der Stimmen deutlich verloren. Wie schätzen Sie diese Niederlage ein und was sind die Gründe dafür?
Das ist eine schallende Niederlage für Frankreichs Rechte, die seit 1958 kein solch schwaches Resultat registriert hat. Und da Frankreichs Rechte von einem Mann monopolisiert wird, von Präsident Nicolas Sarkozy, ist das auch eine schallende Niederlage für ihn. Seine Omnipräsenz im politischen Tagesgeschäft strahlt notgedrungen auch ab auf Regionalwahlen, die im Grunde mit der nationalen Politik wenig gemein haben. Nicht weniger als 20 Minister und Staatssekretäre der rechten Regierung sind in diesen Wahlen engagiert. Sarkozys persönliche Unpopularität dürfte also den Ausschlag gegeben haben.
Ist eine Regionalwahl derart richtungsweisend, wie Medienberichte nun suggerieren?
Es ist die letzte Wahl vor der Präsidentenwahl 2012 - und darum ein bedeutsamer Stimmungstest. Wenn es den Wählern darum ging, ihre Unzufriedenheit auszudrücken, war das die Chance dazu. Viele bürgerliche Wähler dürften den Urnen ferngeblieben sein aus Protest - die Wahlbeteiligung war mit etwa 48 Prozent historisch tief. Andere rechte Wähler, die bei den letzten Präsidentschaftswahlen für Sarkozy gestimmt hatten, haben nun wieder Front National gewählt, der sich besser geschlagen hat, als angenommen wurde.
Ist Sarkozys Zeit abgelaufen? Wenn nicht, was muss er nun dringend machen, um bei der nächsten Präsidentschaftswahl nicht abgewählt zu werden?
Nein, so deutlich kann man das nicht sagen. Sarkozy ist ein starker Wahlkämpfer, und da Präsidentschaftswahlen in Frankreich derart personenbezogen sind, darf man ihn nicht abschreiben. Manchmal braucht es ja nur ein Grossereignis, das die Ausgangslage wieder fundamental verändert. Dennoch: Es scheint, als wirke sein Diskurs nicht mehr, als seien viele ernüchtert über die wahre Reformkraft des Mannes, der angetreten war, Frankreich aus seinen Verkrustungen zu befreien. Es blieb in vielem bei den grossen Versprechen, den Ankündigungen. Natürlich: Die Krise hat sein Projekt auch gebremst. Aber wenn man sieht, mit welcher Eigensinnigkeit er regiert, ist das wahrscheinlich ein Segen.
Haben die Gerüchte um ausserehelichen Affären von Herrn und Frau Sarkozy-Bruni zur Niederlage beigetragen?
Nein, in Frankreichs Medien war das überhaupt kein Thema. Sein privater Lebensstil geht vielen Franzosen auf die Nerven. Und das hat er gemerkt: Es dringt immer weniger davon an die Öffentlichkeit. Ausserdem waren die französischen Medien immer schon sehr zurückhaltend in der Berichterstattung über die intimen Affären ihrer Politiker. Man denke nur an François Mitterrand, der seine uneheliche Tochter Mazarine jahrelang verstecken konnte, obwohl viele von ihr wussten.
Was sind die Stärken der Sozialisten?
Ihre Stärke ist die Schwäche Sarkozys - und fast nur das. Noch immer gelten sie als zerstritten in ihrer Spitze, noch immer mangelt es ihnen an einem Programm für Frankreich. Die Sozialisten müssen erst noch beweisen, dass sie eine programmatische Alternative bieten können für 2012. Und natürlich einen starken Spitzenkandidaten oder eine starke Spitzenkandidatin. Martine Aubry, die Parteichefin, steht nun gestärkt da. Doch hat sie das Zeug zur Präsidentin? Reicht ihr Charisma für die Wahl? Kann sie die gesamte Linke, inklusive der Radikalen und den Grünen, hinter sich vereinen? Und wie wird sie sich gegen ihre parteiinternen Konkurrenten Ségolène Royal und Dominique Strauss-Kahn durchsetzen können? Das sind alles offene Fragen.
Wie werden die Stichwahlen vom 21. März ausgehen?
Wahrscheinlich wird die Linke 25 der 26 Regionen gewinnen - vielleicht aber auch alle 26. Nur das Elsass scheint noch wacklig.
( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )