Che-Büste im Wiener Donaupark.
Bild: KEYSTONE/AP
Zum Abschluss der Veranstaltung singen sie alle gemeinsam: das berühmte Lied vom Comandante, bei dem alles gut war und klar war. Viele alte Männer sind an diesem sonnigen Herbsttag in den Wiener Donaupark gekommen, aber auch Botschafter aus Lateinamerika und österreichische Innenpolitiker. Die alten Männer tragen schwarze Baskenmützen mit rotem Stern, die Politiker tragen, wie immer, dunklen Anzug und weisses Hemd. Aber auch sie werden vom revolutionären Pathos erfasst, als sie ans Rednerpult treten. Von «einem der aussergewöhnlichsten Menschen der letzten 100 Jahre» spricht ein ehemaliger Minister: «Er hat versucht, den leidenden Menschen die Sterne vom Himmel zu holen.»
27'000 Euro für die Büste
Im Oktober 1967 wurde der kubanische Revolutionär Ernesto «Che» Guevara in Bolivien erschossen. 41 Jahre danach bekommt er in Wien ein Denkmal, das «erste in Europa», wie ein Redner stolz vermerkt. Ein Personenkomitee aus Mitgliedern der Österreichisch-kubanischen Gesellschaft hat 27'000 Euro für einen Bronzekopf gesammelt, der nun in einer ehemaligen Gartenausstellung nördlich der Donau neben Salvador Allende und Simon Bolivar steht.
An der Enthüllung nehmen der Wiener Bürgermeister Michael Häupl, Sozialminister Erwin Buchinger und der ehemalige Innenminister Karl «Charly» Blecha teil. Sie alle sind prominente Sozialdemokraten, die oft genug zeigten, dass sie die Intrige beherrschen und für den Erhalt ihrer Macht Ideologien schnell vergessen. Vor der Büste Che Guevaras aber schwärmen sie von Wahrheit, Klarheit, Aufrichtigkeit und von Idealen, die stärker als das Leben sind. Sozialminister Buchinger lobt Che als «Symbol für soziale Gerechtigkeit und internationales Engagement». In Kuba sei er noch nie gewesen, fügt Buchinger an. Details aus dem Leben Guevaras «kenne ich zu wenig».
Viel Nähe zu Diktatoren
Revolutionäre Befreiungsbewegungen hatten es Österreichs Sozialdemokraten immer schon angetan. Gewaltfreiheit, Menschenrechte und Demokratie spielten dabei nur am Rande eine Rolle. In den 70er-Jahren knüpfte der damalige Kanzler Bruno Kreisky Beziehungen zu Jassir Arafat und der PLO, als diese noch nicht daran dachten, dem Terrorismus abzuschwören. Sozialdemokraten in der Österreichisch-arabischen Gesellschaft hielten bis zuletzt Kontakt zum Regime Saddam Husseins. Und auch die Österreichisch-kubanische Gesellschaft hat ein Naheverhältnis zur SPÖ. Dass die Gesellschaft sich als «immer solidarisch mit dem revolutionären Kuba» erklärt, tut der Freundschaft keinen Abbruch. Er stehe zur Entscheidung, das Denkmal zu unterstützen, sagt Wiens Bürgermeister, selbst wenn man über Ches Taten diskutieren könne; «er war halt auch nur ein Mensch».
Ein kleines Grüppchen protestiert
50 Meter neben der Festrunde steht ein kleines Grüppchen, das die Taten des Revolutionärs für gar nicht menschlich hält. Sie halten Tafeln vor die Brust mit den Namen der angeblichen Opfer Guevaras. Darunter auch 135 Kubaner, die im Gefängnis La Cabana zu jener Zeit starben, als Che dort Kommandant war. Organisiert wurde die Gegenveranstaltung von der FPÖ, die ein Zeichen gegen «das Denkmal für einen Massenmörder» setzen will.
Dabei hat ausgerechnet die rechte FPÖ im jüngsten Wahlkampf den linken Revolutionär für ihre Zwecke instrumentalisiert: Spitzenkandidat Heinz-Christian Strache trat als Sozialrevolutionär «StraCHE» auf, Plakate zeigten ihn mit kecker Revoluzzermütze – in Anlehnung an das berühmte Che-Foto von Alberto Korda. Sympathie für einen «Massenmörder»? Ganz und gar nicht, entgegnet FPÖ-Politiker Mahdalik: Che sei zum Popstar geworden, «und mit diesem Image hat Strache kokettiert».
Doch der jüngste Wahlsieg der FPÖ und HC Straches Beliebtheit bei Jungwählern sind während der Che-Guevara-Feier kein Thema. Man schwelgt in der Vergangenheit und redet nicht über die Gegenwart. Wiens Bürgermeister wünscht den Gästen, «dass Sie alle ein kleines Stück Che mit nach Hause tragen». Und dann singen alle gemeinsam das Lied vom Comandante, bei dem alles so gut und so klar war.
(Tages-Anzeiger)