«Christliche Werte sind grundlegend für das Überleben unserer Nationen und Gesellschaften», sagte Papst Benedikt XVI. im Flugzeug kurz vor seiner Landung in Paris. Er stellte sich damit ausdrücklich hinter das Konzept des «positiven Laizismus» von Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der den Papst am späten Vormittag am Flughafen empfing. «Religion und Politik müssen offen füreinander sein», sagte der Papst.
Präsident Sarkozy hob die christliche Tradition seines Landes im Gespräch mit dem Papst hervor. «Wir stellen niemanden vor die anderen, aber wir stehen zu unseren christlichen Wurzeln», sagte er. Sich der Religion zu berauben, sei «eine Tollheit». «Ich respektiere die Religionen. Ich kenne die Fehler, die in ihrem Namen in der Vergangenheit begangen wurden, aber auch ihren Beitrag, den sie für die Menschheit geleistet haben», betonte der französische Präsident.
Erste Reise nach Frankreich
Für Benedikt ist es die erste Reise in die «älteste Tochter der Katholischen Kirche», wie Frankreich genannt wird, seit seiner Wahl vor drei Jahren. Mit der Betonung der politischen Rolle der Religion greift er ein hochsensibles Thema auf. Seit 1905 sind Kirche und Staat in Frankreich strikt getrennt.
Sarkozy hatte bei seinem Papst-Besuch vor neun Monaten für Aufsehen gesorgt, als er die Bedeutung der christlichen Wurzeln für Frankreich betonte. «Ein Mensch, der glaubt, ist ein Mensch, der hofft», sagte er. Die Republik brauche Männer und Frauen, die hoffen. Das Werben für eine «positive Laizität» hat ihm scharfe Kritik eingebracht. Benedikt machte sich nun zum Verbündeten Sarkozys: «Die Trennung von Kirche und Staat steht nicht im Widerspruch zum Glauben», sagte er.
«Keine Wunder in Lourdes»
Am Mittag wurde der Papst im Élysée-Palast empfangen. Am Nachmittag ist eine als wegweisend angekündigte Rede zum Verhältnis von Religion und Kultur geplant. Vor 700 Vertretern aus Kultur, Wissenschaft und Politik will der Papst im Pariser Collège des Bernadins sprechen. Auf den Tag genau zwei Jahre zuvor hatte Benedikt mit seiner Regensburger Rede über das Verhältnis von Glauben und Vernunft für grosses Aufsehen gesorgt. Ein islamkritisches Zitat löste damals einen Proteststurm in der muslimischen Welt aus.
Als zweiter Papst nach Johannes Paul II. wird Benedikt von Samstag bis Montag den Wallfahrtsort Lourdes in den Pyrenäen besuchen. Die Pilgerstadt feiert in diesem Jahr das 150. Jubiläum der Marienerscheinungen von Bernadette Soubirous. Eine Messe am Sonntag gegenüber der Grotte von Lourdes, aus der das für viele Gläubige wunderwirkende Wasser sprudelt, bildet einen der Höhepunkte der Papstreise. «Wir reisen nicht nach Lourdes, um Wunder zu erwarten», sagte der Papst. «Die wahre Heilung kommt durch die Liebe Marias.»
500'000 Besucher erwartet
Insgesamt 500'000 Besucher werden während des knapp viertägigen Papst-Aufenthalts erwartet. 9000 Sicherheitskräfte sind aufgestellt, um für die Sicherheit des Kirchenoberhaupts zu sorgen. Die Erwartungen der französischen Katholiken sind hoch. «Bisher hat Benedikt bei uns noch ein Image-Problem», sagte der Pariser Erzbischof André Vingt-Trois. «Sein Besuch ermöglicht uns, seine Persönlichkeit, seine Stimme und seine Art kennenzulernen.»
Ein Anliegen des Papstes dürfte es aber auch sein, der Kirche in Frankreich neue Kraft zu geben. Die Katholiken der Grande Nation gelten als Sorgenkind des Vatikans: Hier hat die Kirche besonders unter Priesterschwund und einem Einbruch der Messe-Besuche zu kämpfen. Weniger als fünf Prozent der Franzosen gehen regelmässig zur Kirche, vor einem halben Jahrhundert war es noch jeder Dritte.
(oku/ap)