Sie ist jung, elegant und eloquent. In der internationalen Gemeinde der Entwicklungshelfer sorgt sie für rote Köpfe, während das US-Magazin «Time» sie als eine der 100 einflussreichsten Menschen feiert. Ihr Buch hat in diesem Frühjahr die Bestsellerliste der «New York Times» gestürmt, was ihr erlaubte, ihren Job bei der Investmentbank Goldman Sachs aufzugeben und als begehrte Interviewpartnerin und temperamentvolle Verkäuferin ihrer Thesen um den Erdball zu jetten. Was sie sagt, verbreitet sich im Nu über Twitter, Facebook, Youtube und unzählige Blogs.
Dambisa Moyo rechnet mit der Entwicklungshilfe ab. Andere tun das auch. Doch kaum eine fällt so auf wie sie. Moyo ist schwarz, stammt aus Sambia, macht gerne ein kleines Geheimnis aus ihrem Alter (sie dürfte auf die 40 zugehen), weil es keine Geburtsurkunde gebe. Die studierte Ökonomin, die ihre akademischen Würden in Harvard und Oxford holte, liebt die Polemik. Der Titel ihres 200-Seiten-Buches heisst «Dead Aid» und ist ein gezielter Angriff auf «Live Aid», das legendäre Konzert von 1985, mit dem Organisator Bob Geldof sein Image als glamouröser Entwicklungshelfer für den afrikanischen Kontinent zimmerte.
Buch aus Frust geschrieben
Ihr Buch, so erklärt sie in Interviews, sei aus der Frustration heraus entstanden, dass man in der Diskussion um Afrikas Zukunft kaum auf Afrikaner höre. Der britische Historiker Niall Ferguson greift in seinem Vorwort zu Moyos Buch zu einem bezeichnenden Vergleich: Die Debatte über den schwarzen Kontinent werde kolonialisiert durch den weissen Mann – durch Rockstars wie Bono, Politiker wie Tony Blair oder durch Wissenschaftler wie Jeffrey Sachs und Bill Easterly.
Wer das nicht kapiert, dem erklärt es Moyo so: «Die meisten Briten würden sich ärgern, wenn Michael Jackson ihnen Ratschläge erteilte, wie man die Kreditkrise löse. Und die Amerikaner wären ausser sich, wenn ihnen Amy Winehouse sagen würde, wie die Immobilienkrise zu beenden sei», erklärte sie kürzlich in einem Interview mit der «Financial Times».
«Entwicklungspolitik macht Armut zum Dauerzustand»
Ihre Diagnose der Entwicklungspolitik ist kurz und bündig: Die Entwicklungshilfe an afrikanische Regierungen fördere die Abhängigkeit, begünstige die Korruption und mache letztendlich schlechtes Regieren und Armut zu einem Dauerzustand. Mit diesem Befund mögen Entwicklungshelfer möglicherweise noch halbwegs einverstanden sein.
Energisches Kopfschütteln löst Moyos radikale Forderung aus: Die Zahlungen müssen innerhalb von fünf Jahren eingestellt werden. Afrika brauche Direktinvestitionen, fairen Handel und Mikrokredite.
«Ausländischen Entwicklungshelfer wollen nichts ändern»
Was die Entwicklungshelfer aber endgültig in Rage bringt, ist eine weitere Diagnose von Moyo: Die ausländischen Entwicklungshelfer hätten ein grosses Interesse am Status quo. Wäre ihre Hilfe erfolgreich, würden sie ihren Job verlieren.
Kein Wunder also, prasselt die Kritik von allen Seiten auf die heute in London lebende Sambierin nieder. «Ihre Ideen sind schädlich und könnten zum Tod von Millionen Menschen führen», sagt Jeffrey Sachs. Moyo liefere Gegnern der Entwicklungshilfe willkommene Argumente, um Budgets zu kürzen, warnen andere Experten. Bob Geldofs Entwicklungshilfe-Organisation One startete gar eine E-Mail-Kampagne gegen «Dead Aid». Was man in Afrika nicht überall goutierte. Man habe es nicht nötig, von Geldofs Organisation mobilisiert zu werden, schrieb ihm eine bekannte Sambierin zurück.
Moyos Selbstbewusstsein trägt Früchte.
(Tages-Anzeiger)