In Zimbabwe beginnt das grosse Sterben

Von Johannes Dieterich, Village 26 (Zimbabwe). Aktualisiert am 03.12.2008
Diktator Robert Mugabe muss keinen Aufstand fürchten, seine Untertanen sind zu schwach dafür. Zimbabwe taumelt einer Hungersnot entgegen, die Cholera rafft die Menschen dahin.
topelement Ein Junge schöpft aus einer Tonne Wasser zum Trinken – beinahe eine Garantie für eine Cholera-Epidemie.
Morgens um zehn. Eigentlich sollten Elisabeth und Revai jetzt in der Schule sein: Aber Unterricht gibt es in Village 26, wie das Dorf im zimbabwischen Bikita-Distrikt unromantisch heisst, seit Monaten nicht mehr. Allein und reglos sitzen die beiden Kinder vor ihrer strohbedeckten Rundhütte und starren Löcher in den Staub. Die Mutter ist im Morgengrauen losgezogen, um etwas Essbares zu finden. Ihre letzte Mahlzeit haben Elisabeth und Revai gestern Mittag eingenommen, und nur Sazza, wie der mit Wasser angerührte Maisbrei heisst. Ihre Haut fühlt sich bereits pergamentartig an: das erste Zeichen der Unterernährung, die ihnen zum Verhängnis wird, wenn nicht etwas geschieht.

Vier Millionen hungern

Keiner weiss in Village 26, wie die Katastrophe noch verhindert werden kann. «Wir alle haben höchstens noch einmal Sazza pro Tag», sagt der Vorsitzende des Dorfkomitees, Promise Makumbe. Die Vorräte seien aufgebraucht. Village 26, das seinen Namen wie die Dörfer in der Nachbarschaft einem gescheiterten Landreformprogramm aus den 90er-Jahren zu verdanken hat, ist kein Sonderfall: Die Berichte aus den Dörfern 1 bis 30 hören sich nicht anders an – wie überhaupt ganz Zimbabwe einer gewaltigen Hungersnot entgegentaumelt. EU-Hilfskommissar Louis Michel zeigte sich «schockiert» über die sich rasant verschlechternde Lage in dem südafrikanischen Krisenstaat.

Schon heute sind nach Uno-Angaben fast vier Millionen Zimbabwer auf Nahrungsmittel angewiesen: Bald wird die Zahl auf über fünf Millionen angeschwollen sein. Früher, sagt Dorfchef Makumbe, seien in magereren Jahren ausländische Hilfsorganisationen aufgetaucht. Doch die Regierung unter Präsident Mugabe macht den Helfern ihre Arbeit so schwer wie möglich. Sei es, indem ihnen der Zugriff auf ihr in Banken deponiertes Geld verwehrt oder ihnen keine Lizenz erteilt wird. Allerdings ist die Welt auch müde geworden, den mutwillig zerstörten Trümmerstaat über Wasser zu halten.

Dabei hat das grosse Sterben schon begonnen, auch im zehn Kilometer entfernten Village 25. Dort wurden in vergangene Woche die ersten Fälle von Cholera gemeldet, berichtet Makumbe: Fünf Menschen seien der Seuche dort bereits zum Opfer gefallen. Zimbabwe wird von einer beispiellosen Epidemie des Bazillus heimgesucht: Mehr als 550 Menschen wurden in den vergangenen Wochen von der Durchfallerkrankung hinweggerafft.

Nach den Statistiken von Experten sterben normalerweise höchstens ein Prozent der Cholera-Infizierten – in Zimbabwe sind es zehn Prozent. Das liegt am geschwächten Zustand der Erkrankten, die auch nicht mit Behandlung rechnen können: Nach dem Schulsystem, der Strom- und Wasserversorgung ist auch das Gesundheitssystem zusammengebrochen.

Bis die Cholera-Epidemie auch Village 26 erreicht, ist nur eine Frage der Zeit: Weil die Bohrlochpumpen kaputt sind, schöpfen die Dorfbewohner ihr Trinkwasser aus einem Erdloch – eine Garantie für einen Epidemieausbruch. Trotz der Verzweiflung ist in Village 26 keine vorrevolutionäre Unruhe auszumachen. «Was sollen wir denn tun?», fragt Dorfchef Makumba: «Wir haben ja nicht einmal genug zu essen, um uns auf den Beinen zu halten.» In der 400 Kilometern entfernten Hauptstadt, die seit Tagen von der Wasserversorgung abgeschnitten ist, weil die Stadtwerke keine Chemikalien zur Reinigung der verseuchten Flüssigkeit mehr haben, scheint die Lage anders zu sein: Dort zogen am Montag Dutzende von Soldaten plündernd durch die Strasse, um ihrem Unmut freien Lauf zu lassen.

Dass sie die Speerspitze eines Aufstands sind, ist unter Beobachtern umstritten: Genauso gut könnten sie vom Präsidenten selbst ausgesandt worden sein, um ihm einen Vorwand für die Ausrufung des Notstandsrechts zu liefern, sagt einer seiner einstigen Kampfgefährten. Denn wenn der 84-jährige Starrkopf schon fallen müsse, dann nur mit dem gesamten Volk.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.12.2008, 22:00 Uhr

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