Neues Video zeigt die Bomben von Kunduz

Aktualisiert am 18.12.2009
Ständig neu auftauchende Details machen den Luftangriff zum grössten deutschen Desaster seit Beginn der Afghanistan-Mission. Jetzt zeigen Aufnahmen, wie die Bundeswehr die Tanklastzüge angreift.

Die beiden Tanklastzüge sind in Dämmerlicht getaucht auf dem Video, das «Bild.de» exklusiv zeigt. Man kann Bewegung in der Nähe der Tanker sehen. Dann folgt die Explosion, die Kamera schwenkt ab. 142 Menschen sind bei diesem Luftangriff auf Kunduz in der Nacht vom 4. September gestorben. Das Video stammt nach Angabe der Zeitung von der Bundeswehr. Sie bezeichnet es als «bodengestütztes Aufklärungsmittel».

Wenn auch nicht bestätigt ist, dass die Bilder den Truppen als Aufklärungsmaterial dienste: Bislang war nicht bekannt gewesen, dass die Bundeswehr überhaupt über solches Videomaterial verfügte. Die Aufnahmen seien «schon sehr früh am Morgen des 4. September» elektronisch in Potsdam eingetroffen, schreibt «Bild.de». Dort sitzt nach Angaben der Zeitung die Einsatzzentrale der Geheimtruppe «Kommando Spezialkräfte KSK», die nach aktuellen Informationen von ARD an dem Angriff zumindest mitbeteiligt war.

Grösste Krise seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes

Das Video ist nur ein weiteres Detail in einer Serie von brisanten Fakten, die rund um den tödlichen Angriff laufend ans Licht kommen – und im Empfinden vieler Deutscher den Bürgern und Politikern vorenthalten wurden. Das Misstrauen der Menschen gegenüber der Afghanistan-Mission wächst. Galt der Luftangriff in Kunduz noch im September als unglücklicher Akt aufgrund unzureichender oder missverständlicher US-Informationen, stellt er sich inzwischen ganz anders dar: als gezielter Angriff deutscher Elitetruppen auf die Menschen, die um die Tanklaster schlichen, wie ARD vor einer Woche berichtete. Befehlshaber Oberst Georg Klein soll dabei eine unrühmliche Doppelrolle eingenommen haben.

Auch die Politiker streiten sich heftig über den Einsatz in Kunduz. Der jetzige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg warf der über den Angriff empörten Opposition am Donnerstag ein «Gebrüll» vor, das nicht der Sache, sondern lediglich einem innenpolitischen Machtkampf diene. Die Gegner spotteten daraufhin, Guttenberg sei «ein Minister der Selbstverteidigung».

Soll Deutschland wieder Krieg führen dürfen?

Neben dem lauten Schlagabtausch stellen deutsche Politiker auch leise ernste Grundsatzfragen. Vor allem diese: Soll Deutschland sein Grundgesetz ändern, um Krieg führen zu dürfen? Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges verbietet die deutsche Verfassung grundsätzlich jeglichen Angriffskrieg.

Jetzt fordern vor allem Politiker der konservativen CDU/CSU, das Verbot sei zu überprüfen. «Auf veränderte Realitäten des 21. Jahrhunderts sollten wir mit entsprechender Rechtsetzung reagieren», wird Ernst-Reinhard Beck, verteidigungspolitischer Sprecher Union, bei «Spiegel Online» zitiert. Deutschland müsse «in der afghanischen Wirklichkeit ankommen», wird auch der innenpolitische Sprecher, Hans-Peter Uhl, zitiert.

(oku)

Erstellt: 18.12.2009, 08:59 Uhr

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