Viele Israeli fühlen sich zusehends eingekesselt, sehen eine existenzielle Gefahr für ihren 60-jährigen Staat. Sie fühlen sich wie im Juni 1967, kurz bevor Israel den Sechstagekrieg begann.
Arabische Radiostationen hatten damals Botschaften über die kommende Zerstörung Israels verkündet. Die Israeli, oder besser die israelischen Juden, beginnen sich heute so zu fühlen wie ihre Eltern in jenen apokalyptischen Zeiten. Israel ist heute viel mächtiger und wohlhabender. Trotzdem schaut ein grosser Teil der Bevölkerung mit düsterer Vorahnung in die Zukunft.
Diese Vorahnung speist sich aus zwei allgemeinen und vier spezifischen Gründen. Die allgemeinen Probleme sind einfach: Erstens, die arabische und erweiterte islamische Welt hat nie wirklich die Legitimität von Israels Gründung akzeptiert. Zweitens, die öffentliche Meinung im Westen unterstützt Israel immer weniger und beobachtet misstrauisch, wie der jüdische Staat seine palästinensischen Nachbarn behandelt. Auch verblasst der Holocaust zusehends zu einer schwachen Erinnerung, und die arabischen Staaten werden immer mächtiger.
Doch Israel ist auch ganz spezifischen Bedrohungen ausgesetzt. Im Osten treibt der Iran wie wahnsinnig sein Nuklearprojekt voran, das dafür bestimmt ist, Atomwaffen zu bauen. Diese Entwicklung, verbunden mit Präsident Mahmoud Ahmadinejads öffentlichen Drohungen, Israel zu zerstören, macht die politische und militärische Führung Israels sehr nervös.
Im Norden hat sich die fundamentalistische Hizbollah im Libanon seit dem Krieg von 2006 neu bewaffnet. Laut israelischen Schätzungen hat die Hizbollah nun ein Arsenal von 30'000 bis 40'000 russischen Raketen, geliefert von Syrien und dem Iran. Einige der Raketen können Tel Aviv und Dimona erreichen, wo sich Israels Nuklearanlagen befinden. Sollte es zu einem Krieg zwischen Israel und dem Iran kommen, ist zu erwarten, dass die Hizbollah mitmacht. Im Süden wiederum ist Israel mit der Islamistenorganisation Hamas konfrontiert, die den Gazastreifen kontrolliert und in ihren Statuten gelobt, Israel zu zerstören und jeden Zentimeter Palästinas unter islamische Herrschaft zu bringen. Die Hamas hat heute eine Armee mit Tausenden von Kämpfern. Sie hat ebenfalls ein grosses Raketenarsenal, eingeschmuggelt durch Tunnels vom Sinai.
Die vierte unmittelbare Bedrohung für Israels Existenz ist eine interne. Sie kommt von der arabischen Minderheit im Land. In den vergangenen 20 Jahren haben sich Israels 1,3 Millionen arabische Bürger radikalisiert (zum Vergleich: In Israel leben 5,5 Millionen Juden); viele sagen, dass ihre Loyalität eher bei den Palästinensern als beim Staat Israel liegt. Ein Teil ihrer kommunalen Anführer unterstützte mehr oder weniger öffentlich die Hizbollah im Krieg 2006 und ruft weiterhin nach «Autonomie» und der Auflösung des jüdischen Staates.
Die Demografie ist das Rezept für eine solche Auflösung. Die Geburtsraten israelischer Araber gehören zu den höchsten der Welt, mit 4 bis 5 Kindern pro Familie (israelische Juden haben 2 bis 3 Kinder pro Familie). Falls die heutigen Trends weitergehen, könnten die Araber bis 2040 oder 2050 die Mehrheit Israels ausmachen.
Was all diese spezifischen Bedrohungen verbindet, ist, dass sie unkonventionell sind. Zwischen 1948 und 1982 kam Israel relativ gut zurecht mit der Bedrohung durch konventionelle arabische Armeen. In der Tat schlug Israel sie mehrmals vernichtend. Aber die nukleare Bedrohung durch den Iran, der Aufstieg von Organisationen wie Hamas und Hizbollah, die über internationale Grenzen hinweg und inmitten der Zivilbevölkerung operieren, und die wachsende Abneigung der israelischen Araber gegen den eigenen Staat und ihre Identifikation mit dem Feind sind völlig andere Herausforderungen. Und es scheint für Israels politische Führung und die Öffentlichkeit, die gebunden sind an westliche demokratische Werte, zusehends schwieriger zu werden, sie zu parieren.
Das Gefühl der Israeli, dass es immer enger wird für sie, hat in den vergangenen Wochen zu einer gewalttätigen Reaktion geführt. Angesichts der neuen Realitäten wäre es nicht überraschend, wenn noch stärkere Explosionen folgen würden.
*Benny Morris ist Professor für die Geschichte des Mittleren Ostens an der Ben-Gurion-Universität und einer der einflussreichsten Historiker Israels.
(Tages-Anzeiger)