Platz da: BMW lanciert mit dem C 600 Sport einen bayrischen Luxus-Grossroller mit viel modernster Motorradtechnik. Bild: BMW
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Noch nie waren Motorräder in Helvetien so günstig zu haben wie heute. Der noch vor zwei Jahren in für unmöglich gehaltene Tiefen gefallene Euro hat ähnlich wie bei den Autos zu unzähligen Rabattaktionen und Preissenkungen geführt. Perfekt ausgestattete Mittelklasse-Motorräder inklusive ABS werden heute für weniger als 10000 Franken angeboten, und für ein paar Tausend Franken mehr gibt es bereits exklusive Oberklasse-Bikes.
Kampf gegen Grau-Importe
Doch nur dank teilweise dramatischen Preisreduktionen, Aktionen und Senkungen der Händlermargen konnte 2011 die Gefahr der sogenannten Parallel- oder Grauimporte wenigstens einigermassen unter Kontrolle gehalten werden. Gemäss einer Statistik des Schweizer Yamaha-Importeurs Hostettler kamen etwas weniger als 2000 Einheiten «grau», also im Direktimport, über die Landesgrenze.
«Betroffen waren alle Marken», erklärt Hostettler-Pressesprecher Peter Manzanares, «bei Harley-Davidson waren es mehr als 200 Stück. Auch Kawasaki, Ducati, Triumph, BMW, Honda, aber auch wir selbst waren betroffen.» Laut den Berechnungen von Hostettler beträgt das Marktvolumen etwa 40 Millionen Franken, das den Vertragshändlern «abhanden kam». Laut Manzanares sind die Direktimporte ein echtes Problem: «Sie machen vier Prozent des Gesamtmarktvolumens aus, selbst der Rollersektor ist davon nicht ausgenommen. Zur Hauptsache sind es natürlich Motorräder der Preisoberklasse, die vor allem aus Deutschland, aber auch aus Holland, Italien, Frankreich, Polen und andern Ländern zu uns in die Schweiz gelangen.»
Harley, Yamaha und BMW vorn
BMW Motorrad konnte in der Schweiz seinen Absatz um 26 Prozent steigern und ist damit zur klaren Nummer 3 bei den Zweirädern hinter Harley-Davidson und Yamaha aufgestiegen. Auch Triumph (GB, + 34 Prozent), Aprilia (I, + 15 Prozent), Ducati (I, + 49 Prozent) und KTM (A, + 17 Prozent) verzeichneten im vergangenen Jahr beeindruckende Zuwachsraten.
Nicht nur der aussergewöhnlich schöne Frühling und der gute Sommer 2011, sondern auch der niedrige Dollarkurs hat seinen Teil zum massiven Verkaufsschub im Gesamtmarkt von 41590 (2010) auf 45 333 (2011) Einheiten beigetragen; noch nie war der Einstieg in die heile Easy-Rider-Welt von Harley-Davidson so günstig zu haben wie heute. Harley legte mehr als 20 Prozent zu und ist damit weiterhin die Motorrad-Nummer 1 in der Schweiz; jeder sechste 2011 in der Schweiz verkaufte Töff war eine Harley-Davidson.
Trotz einem wesentlich weniger günstigen Yenkurs konnten auch die früher marktbeherrschenden japanischen Marken Honda (+ 15 Prozent), Yamaha (+ 8 Prozent) und Kawasaki (+ 17 Prozent) Zuwachsraten verzeichnen, während Suzuki als einziger der Top-10-Hersteller ins Minus fiel (17 Prozent). Doch die Japaner müssen insgesamt seit Jahren Federn lassen: Ihr Anteil am Gesamtmarkt ist in den vergangenen 20 Jahren in der Schweiz von mehr als 60 auf heute 42 Prozent gesunken.
Die Schweiz als Insel
Doch der Blick über die Landesgrenzen hinaus schürt die Zweifel, dass dieser Verkaufsboom noch lange anhalten wird und kann. Der Motorradmarkt ab 500 ccm ist in Europa und Amerika in den vergangenen zehn Jahren um die Hälfte geschrumpft; der Rückgang bei den supersportlichen Motorrädern ist angesichts der Verkehrsentwicklung und der immer schärferen Gesetzgebungen noch weitaus dramatischer.
«Keine Frage, die Schweiz ist derzeit eine einsame Insel in einem äusserst schwierigen europäischen Markt», stellt Freddy Oswald, Verkaufsleiter und Geschäftsführer des Schweizer Kawasaki-Importeurs Fibag, unmissverständlich klar. «Allein der von der Eurokrise gebeutelte europäische Motorradmarkt ab 125 ccm ist in nur drei Jahren um mehr als ein Drittel von 690 000 auf 410 000 Einheiten geschrumpft. Ein Ende dieser Entwicklung ist zurzeit nicht abzusehen.»
Yamaha-Pressesprecher Peter Manzanares fügt weitere Zahlen hinzu: «2010 wurden weltweit 54 Millionen motorisierte Zweiräder hergestellt. 50 Prozent davon gingen nach Asien, 30 Prozent nach China, 14 Prozent in diverse Regionen, nur noch 4 Prozent nach Europa und je 1 Prozent in die USA sowie nach Japan. Da wird schnell klar, worauf global aktive Hersteller ihr Hauptaugenmerk legen.»
«Die Japaner werden bleiben»
Werden also die Japaner das sinkende Schiff Europa verlassen und es den heimischen Herstellern überlassen? «Nein, das werden sie nicht», erklärt Manzanares. «Denn Europa ist für sie enorm wichtig. Rund 50 Prozent der Produktion in Japan, wo zur Hauptsache Hightech-Zweiräder für Sport und Freizeit hergestellt werden, kommen zu uns, 20 Prozent gehen nach Amerika. Die über den gesamten Globus verteilten anderen Werke der Japaner, welche vorwiegend kleinere Alltags- und Nutzfahrzeuge herstellen, werden sich jedoch verstärkt auf die lukrativen Wachstumsmärkte wie Asien und China konzentrieren.»
Ein deutliches Anzeichen für die Neuorientierung Japans sind die auffallend wenigen Neuheiten, die aus Fernost für die Saison 2012 präsentiert wurden. Modell-Überarbeitungen stehen im Vordergrund, wirklich neu sind bei Honda nur die Crosstourer 1200 sowie das Mittelklasse-Bike NC 700 S/X und der Luxusroller Integra mit demselben Motor. Kawasaki steigt mit der Versys 1000 in den Allrounder- und Reisemarkt ein, Yamaha hat den Erfolgsroller Tmax 500 von Grund auf renoviert. Das wars dann schon.
Ganz anders Europa: BMW startet mit zwei 600er-Modellen einen Angriff auf den lukrativen Grossrollermarkt, Ducati schockt die Sportwelt mit der betörenden, neue technische Massstäbe setzenden 1199 Panigale, Triumph bringt eine 1200er Reise-Enduro namens Explorer, KTM greift mit der preisgünstigen 690 Duke den Mittelklassemarkt an und Harley vergrössert seine Palette um weitere zwei Modelle.
Interessantes Detail am Rande: Die Grenzen zwischen Motorrad und Roller lösen sich immer mehr auf. Vor allem in der Rolleroberklasse verwenden viele Hersteller ausgereifte Motorradtechnik. Motorleistungen von weit mehr als 50 PS sind heute weit verbreitet, aber im Unterschied zum Motorrad werden die Triebwerke mit komfortablen Automatikgetrieben kombiniert.
Roller auf der Überholspur
Für 2012 bringen europäische und asiatische Hersteller mehrere neue solcher Luxus-Grossroller auf den Markt. Aprilia lanciert den SRV 850 mit 76 PS, BMW glänzt mit den Modellen C 600 Sport und dem C 600 GT (60 PS). Honda hat den Integra mit 670 ccm (52 PS) entwickelt, Yamaha den seit Jahren erfolgreichen 47 PS starken Tmax 500 komplett überarbeitet. Und Kymco aus Taiwan präsentiert mit dem MyRoad 700i mit 59 PS ebenfalls einen neuen Oberklasseroller.
Seien Sie also nicht überrascht, wenn in diesem Sommer auf der (deutschen) Autobahn ein Roller mit 160 oder mehr Sachen an Ihnen vorbeigleitet . . .
(Tages-Anzeiger)
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