Mister Johnson, warum betreibt ein Computerhersteller, der standardisierte Produkte verkauft, eigene Läden?
Aus unserer Sicht sind unsere Produkte ganz und gar nicht standardisiert im Sinne von durchschnittlich. Wir waren schon 2001, als wir den ersten Laden eröffneten, davon überzeugt, dass unsere Produkte am besten in eigenen, aussergewöhnlichen Läden verkauft würden. Unsere Läden und Apple als Ganzes haben seither ein nie gesehenes Wachstum erlebt.
2001 drohte Apple der Verlust von immer mehr Verkaufspartnern. Man musste quasi selbst etwas auf die Beine stellen.
Nein, das war keine Überlebensfrage. Zu jener Zeit war vielmehr die Zukunft von physischen Verkaufsläden generell infrage gestellt. Viele dachten, die Zukunft gehöre ganz allein den Online-Läden à la Dell. Erinnern Sie sich noch an Dell? Wir waren aber überzeugt, dass es für ein relativ teures Produkt wie einen Computer keinen Ersatz gibt für einen echten Laden - wenn dieser gut gemacht ist.
War es Ihre Idee, dass die Läden eher einer Gucci-Boutique ähneln als einem typischen Elektronik-Laden?
Unsere Strategie wurde von einem ganzen Team entwickelt, Steve Jobs ist nach wie vor sehr involviert. Typische Elektronik-Geschäfte sind überfüllt mit Produkten und Leuten, düster und eng - also eher ausladend. Uns war es daher wichtig, dass die Läden grosszügig und hell sind. Nichts soll zwischen den Kunden und den Produkten stehen. Wir legen zudem Wert auf wertige Materialien wie Holz, Edelstahl, italienische Steinböden und Glas. Nicht um auf Gucci zu machen, sondern weil das zu unseren Produkten am besten passt.
Wird der Laden in Zürich auch gläserne Treppen haben wie beispielsweise in London oder New York?
Der Laden im Glatt-Zentrum hat nur ein Stockwerk, also keine Treppe. 80 Prozent unserer Läden befinden sich übrigens in Shopping-Malls wie dem Glatt.
Noch vor Deutschland oder Frankreich bekommen wir in der Schweiz bis Ende Jahr mehrere Läden. Warum fokussiert sich Apple derzeit so stark auf die Schweiz?
Wir stehen immer noch am Anfang unserer Ladenstrategie. Wir sind im achten Jahr, und die Schweiz ist das achte Land, wo wir Läden eröffnen. Die Schweiz hat seit langem den höchsten Mac-Marktanteil der Welt. Zürich und Genf sind grossartige, kosmopolitische Städte, also gute Standorte für uns. Die Schweizer sind zudem sehr technologieaffin.
Und kaufkräftig. Bei uns kosten viele Produkte vergleichsweise mehr als anderswo in Europa oder den USA. Gibt es bei uns nicht einfach mehr zu holen?
Das war nicht unser Antrieb. Sehen Sie, wir sind bestrebt, jederzeit und überall die bestmöglichen Preise anzubieten. Währungen schwanken ständig, manchmal sind unsere Produkte in anderen Ländern etwas teurer, manchmal etwas günstiger, als wir sie gerne hätten.
Dürfen wir uns in der Schweiz nun auch auf ein breiteres Angebot im iTunes Store freuen, mit Filmen und TV-Serien?
Dazu kann ich nichts sagen, das fällt nicht in meine Zuständigkeit.
Ein guter Laden braucht nicht nur gutes, sondern auch genügend Verkaufspersonal. Wie viele Angestellte werden Sie in der Schweiz haben?
Wir werden über 50 Angestellte pro Laden haben. Vom den Concierges, welche die Kunden begrüssen und sie umgehend an den gewünschten Punkt im Laden weiterleiten, über spezialisierte Verkäufer für Mac, iPod oder Geschäftskunden bis zu unseren Geniuses, die jederzeit alle möglichen Kundenfragen persönlich und kostenlos beantworten werden. Wenn Sie den Laden betreten, werden Sie jederzeit etwa 20 Angestellte antreffen. Ausserdem arbeitet bei uns niemand auf Kommission.
Die Kunden werden die Läden begrüssen. Einige Ihrer Verkaufspartner sind aber weniger glücklich darüber, einen Apple Store als neuen Nachbarn zu haben.
Diese Frage stellt sich uns überall, wo wir unsere Läden eröffnen. Tatsache ist, dass wir heute in allen Märkten, wo wir mit Apple Stores präsent sind, mehr Verkaufspartner haben als vor sieben Jahren. Unsere Shops sind eine gute Anlaufstelle für Kunden, die gerne Beratung in Anspruch nehmen, das für sie passende Produkt suchen. Andere möchten nur kurz einen neuen iPod kaufen, das können sie bei jedem unserer Partner genauso gut machen. Je mehr Auswahl für die Kunden, umso besser.
Wie viel von Apples Umsatz wird in den eigenen Läden erzielt?
Ziemlich genau 20 Prozent. Das ist viel, das bedeutet aber auch, dass 80 Prozent aus anderen Quellen stammen.
Die Wirtschaftslage war schon rosiger als derzeit. Was für Auswirkungen hat das auf den Absatz Ihrer Produkte?
Nun, die Wirtschaft schwankt laufend, es geht hinauf und hinunter. Kurz nach unserer esten Eröffnung 2001 passierten die Anschläge vom 11. September, und die Wirtschaftslage danach war ebenfalls düster. Wir verkauften damals vielleicht weniger Produkte, gleichzeitig hatten wir die Gelegenheit, günstig an gute Lokalitäten für unsere Läden zu kommen. Und langfristig verlief unser Geschäft ja sehr erfolgreich. Läden sind immer eine langfristige Investition, da dürfen wir uns von kurzfristigen Wirtschaftsprognosen nicht abschrecken lassen.
Ich habe schon Apple Stores im Ausland besucht. Die Läden wirken auf den ersten Blick so, als ob es nicht darum ginge, einem etwas zu verkaufen - was sie erst recht zu effektiven Verkaufsstellen macht. Ist das euer Geheimrezept?
Nun, die Leute durchschauen es, wenn man ihnen nur aufs Portemonnaie starrt und ihnen auf Schritt und Tritt etwas andrehen will. Das funktioniert vielleicht kurzfristig. Wir versuchen aber ernsthaft, eine langfristige Beziehung zu unseren Kunden aufzubauen, die nicht beim Kauf eines unserer Produkte endet. Sie können bei uns auch vorbeischauen, nur um Ihre E_Mails abzurufen oder etwas an der Genius-Bar zu fragen. Und das zahlt sich aus: Wir haben die höchsten Verkäufe pro Verkaufsfläche sämtlicher Ladenketten aller Zeiten.
Verhalten sich die Leute anders in euren Läden als anderswo?
Sie verweilen länger, unsere Läden werden vielerorts zu lokalen Treffpunkten für die Leute.
Wird bei euch weniger geklaut als anderswo?
Ich bin schon mein halbes Leben lang in diesem Geschäft. Die Apple Stores haben diesbezüglich überhaupt keine Probleme. Sehen Sie, Ladendiebe mögen keine hellen Orte mit vielen Leuten und vielen Angestellten.
Man hört oft, dass der iPod Apple gerettet habe. Doch die Läden sind sicherlich ebenfalls wichtig für das aktuelle Wachstum. Denken Sie, dass Sie dafür genügend Anerkennung bekommen?
Nun, wir sind alle ein Team. Wir stellen attraktive Produkte her, darunter den iPod, aber wir legen auch Wert darauf, diese auf eine attraktive Weise zu verkaufen. Das geht alles Hand in Hand, es ist fast schon eine Huhn-Ei-Problem.
Warum hat bis heute keiner Ihrer direkten Konkurrenten Ihr Konzept erfolgreich kopiert?
Weil es eben sehr schwierig ist, Läden erfolgreich zu betreiben. Seit wir angefangen haben, hat Gateway seine Läden geschlossen, Sony hat eigene eröffnet und wieder geschlossen, ebenso Dell. Der Einzelhandel ist ein hartes Geschäft. Und die meisten Gerätehersteller verstehen ihn nicht und unterschätzen ihn.
(Tages-Anzeiger)