Eine Software, die mit jedem Film dazulernt

Von Christian Bütikofer . Aktualisiert am 09.02.2009
Dank der Open-Source­-Szene entwickelt sich die 3-D-Software Blender zu einem professionellen Filmtool.

Im April 2001 stand Ton Roosen­daal vor dem Nichts. Er hatte ein überdurchschnittlich gutes Pro­dukt, aber nicht genügend Erfolg am Markt. Seit den 90er-Jahren entwickelte der heute 48-jährige Niederländer seine 3-D-Model­ling- Software Blender unermüd­lich weiter. Während der Internet­Hausse fand er Risikokapitalgeber, bekam mehrere Millionen Euro, expandierte in die USA und Japan, stellte über 50 Leute ein und hatte zuletzt 250000 zahlende Kunden. Dem Internet-Crash 2000 war er damit aber nicht gewachsen, er ging bankrott. Was nun?

Ton Roosendaal hatte entweder die Wahl, Blender still zu beerdi­gen oder die Eigentumsrechte zu verkaufen. Doch er versuchte ei­nen dritten Weg: Das Programm sollte gratis jedermann zugänglich gemacht werden. Seine Gläubiger stimmten der Idee unter der Bedingung zu, falls Roosendaal 100000 Euro aufbringt und so Blender freikauft.

Darum gründete er Mitte Juli 2002 die Stiftung Blender Founda­tion mit dem Ziel, Spenden zu sam­meln. Schon Anfang September hatte er die 100000 Euro beisam­men. Dass die Summe innert weni- ger Monate von den zahlreichen Blender-Benützern auf der ganzen Welt aufgebracht wurde, über­raschte Roosendaal.

Seit diesem Zeitpunkt ist Blen­der der freien Softwarelizenz GNU General Public License (GPL) un­terstellt. Somit wurde Blender Open-Source-Software, wie etwa die diversen Linux-Betriebssys­teme, der Browser Firefox oder das Büropaket Open Office.

Unzählige Blender-Anwender entwickelten seither auf der gan­zen Welt neue Funktionen für das Programm. Funktionen, die man sonst nur in sehr teuren Animati­onsprogrammen wie Maya oder Lightwave findet. Dank einer ein­zigartigen Idee Roosendaals sowie der Unterstützung Googles begann sich das Programm seit 2006 auch zu einem Tool zu erweitern, mit dem man professionelle Animati­onsfilme herstellen kann.

6 Monate = 1 Film

2005 stellten die Blender Foun­dation und das Netherlands Media Art Institute einem kleinen Kern­team die Infrastruktur zur Verfü­gung und zahlten die Produktions­kosten für einen Kurzfilm namens «Elephants Dream». Innert sechs Monaten musste er realisiert wer­den. Damit dies mit Blender mög­lich wurde, erweiterte das Team die Software durch zahlreiche Funktionen – was gebraucht wurde und Blender noch nicht konnte, wurde nach und nach program­miert. Der Clou am Projekt war aber, dass auch sämtliche Quellda­ten des Kurzfilms unter eine Open­Source-Lizenz gestellt wurden. So kann jedermann lernen, wie er technisch entstanden ist. «Ele­phants Dream» wurde ein derart grosser Erfolg und brachte Blender technisch so enorm weiter, dass Ton Roosendaal nur ein Jahr spä­ter gleich wieder ein Kurzfilmpro­jekt ins Leben rief: «Big Buck Bunny» war geboren – und wieder wurde Blender professioneller. Die zwei Kurzfilme können gratis in hohen Auflösungen angeschaut werden.

Mit dem neusten Projekt «Apri­cot Open Game» machen sich Roosendaal und seine Mitstreiter nun daran, Blender auch für pro­fessionelle Videogame-Projekte zu erweitern.

www.elphantsdream.org
www.bigbuckbunny.org
www.blender.org

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2009, 16:29 Uhr

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