Im April 2001 stand Ton Roosendaal vor dem Nichts. Er hatte ein überdurchschnittlich gutes Produkt, aber nicht genügend Erfolg am Markt. Seit den 90er-Jahren entwickelte der heute 48-jährige Niederländer seine 3-D-Modelling- Software Blender unermüdlich weiter. Während der InternetHausse fand er Risikokapitalgeber, bekam mehrere Millionen Euro, expandierte in die USA und Japan, stellte über 50 Leute ein und hatte zuletzt 250000 zahlende Kunden. Dem Internet-Crash 2000 war er damit aber nicht gewachsen, er ging bankrott. Was nun?
Ton Roosendaal hatte entweder die Wahl, Blender still zu beerdigen oder die Eigentumsrechte zu verkaufen. Doch er versuchte einen dritten Weg: Das Programm sollte gratis jedermann zugänglich gemacht werden. Seine Gläubiger stimmten der Idee unter der Bedingung zu, falls Roosendaal 100000 Euro aufbringt und so Blender freikauft.
Darum gründete er Mitte Juli 2002 die Stiftung Blender Foundation mit dem Ziel, Spenden zu sammeln. Schon Anfang September hatte er die 100000 Euro beisammen. Dass die Summe innert weni- ger Monate von den zahlreichen Blender-Benützern auf der ganzen Welt aufgebracht wurde, überraschte Roosendaal.
Seit diesem Zeitpunkt ist Blender der freien Softwarelizenz GNU General Public License (GPL) unterstellt. Somit wurde Blender Open-Source-Software, wie etwa die diversen Linux-Betriebssysteme, der Browser Firefox oder das Büropaket Open Office.
Unzählige Blender-Anwender entwickelten seither auf der ganzen Welt neue Funktionen für das Programm. Funktionen, die man sonst nur in sehr teuren Animationsprogrammen wie Maya oder Lightwave findet. Dank einer einzigartigen Idee Roosendaals sowie der Unterstützung Googles begann sich das Programm seit 2006 auch zu einem Tool zu erweitern, mit dem man professionelle Animationsfilme herstellen kann.
6 Monate = 1 Film
2005 stellten die Blender Foundation und das Netherlands Media Art Institute einem kleinen Kernteam die Infrastruktur zur Verfügung und zahlten die Produktionskosten für einen Kurzfilm namens «Elephants Dream». Innert sechs Monaten musste er realisiert werden. Damit dies mit Blender möglich wurde, erweiterte das Team die Software durch zahlreiche Funktionen – was gebraucht wurde und Blender noch nicht konnte, wurde nach und nach programmiert. Der Clou am Projekt war aber, dass auch sämtliche Quelldaten des Kurzfilms unter eine OpenSource-Lizenz gestellt wurden. So kann jedermann lernen, wie er technisch entstanden ist. «Elephants Dream» wurde ein derart grosser Erfolg und brachte Blender technisch so enorm weiter, dass Ton Roosendaal nur ein Jahr später gleich wieder ein Kurzfilmprojekt ins Leben rief: «Big Buck Bunny» war geboren – und wieder wurde Blender professioneller. Die zwei Kurzfilme können gratis in hohen Auflösungen angeschaut werden.
Mit dem neusten Projekt «Apricot Open Game» machen sich Roosendaal und seine Mitstreiter nun daran, Blender auch für professionelle Videogame-Projekte zu erweitern.
www.elphantsdream.org
www.bigbuckbunny.org
www.blender.org
(Tages-Anzeiger)