Satte Gewinne, aber keine Innovationskraft: Microsoft-Chef Steve Ballmer steht in der Kritik. Bild: KEYSTONE/AP
Zuerst die guten Nachrichten für Microsoft (MSFT 30.25-1.08%) und seine Fans: Der grösste Softwareentwickler der Welt hat gemäss dem ehemaligen Vizepräsidenten Dick Brass eine «beneidenswert erfolgreiche» Gegenwart, Produkte wie Windows oder Microsoft Office beherrschen den Markt und Microsoft macht riesige Gewinne, alleine im letzten Quartal 6,7 Milliarden Dollar.
Trotz diesen salbungsreichen Worten dürfte der Kommentar des ehemalige Firmeninsiders in der «New York Times» bei Steve Ballmer und seiner Mannschaft für rote Köpfe sorgen. Denn der Artikel strotzt nur so vor Seitenhieben und Anschuldigungen.
Systembedingter Innovationsmangel
Brass' Hauptkritik betrifft vor allem die fehlende Innovationsbereitschaft des Unternehmens. Redmond sei «ungeschickt und nicht wettbewerbsorientiert», hält der Ex-Microsoft-Manager fest. Microsoft stehe völlig im Schatten von Konkurrenzprodukten wie iPhone, Kindle, Blackberry, Google und iTunes. Dieser Innovationsmangel ist laut Brass quasi systembedingt: Oft seien neuen Produkte bereits im Entwicklungsstadium gestoppt worden.
«Microsoft ist ein plumper, nicht konkurrenzfähiger Erfinder geworden», heisst es in der «New York Times»-Kolumne. «Seine Produkte werden verspottet, manchmal auf unfaire Weise, aber manchmal auch aus gutem Grund. Microsofts Image hat sich nie erholt von den Antitrust-Klagen der 90er Jahre.»
Im Schatten der Konkurrenz
Satte Gewinne seien gut und recht, das Problem liege indes darin, dass diese fast ausschliesslich mit Windows und Office erwirtschaftet werden – Software, die schon Jahre auf dem Buckel haben. «Microsoft ist Amerikas grösstes und erfolgreichstes Technologie-Unternehmen. Warum entwickelt man nicht mehr Zukunft – Produkte wie den iPad, E-Books wie Amazons Kindle, Smartphones wie den Blackberry oder das iPhone, Suchmaschinen wie Google, digitale Musiksysteme wie iPod und iTunes oder beliebte Netzwerke wie Facebook und Twitter?»
Dick Brass vergleicht das Redmonder Unternehmen mit einem krisengeschüttelten Autobauer. Wie General Motors nicht auf seine Lastwagen und SUVs bauen kann, so kann Microsoft nicht hoffen, dass seine ehrwürdigen Produkte das Unternehmen für immer stützen.
Microsofts Konter auf dem Firmenblog
Microsofts Antwort liess nicht lange auf sich warten. «Natürlich sind wir gar nicht einverstanden mit dieser Kritik» («Obviously we disagree»), heisst es im offiziellen Firmenblog. Laut Microsofts Firmensprecher Frank Shaw geht es dem Unternehmen überhaupt nicht darum, Innovationen schnell zu realisieren. Es genüge nicht, einfach nur eine gute, grossartige oder gar coole Idee zu haben – Innovationen müssten auch breit umgesetzt werden können.
Und dies ist für Shaw auch gelungen: So sei die Xbox die erste Spielkonsole gewesen, die herunterladbare Games, hochauflösendes Fernsehen, Facebook und Twitter in die Wohnzimmer gebracht habe. Viel Potenzial sieht Microsoft im Project Natal: Damit werde es noch dieses Jahr möglich sein, Computerspiele ohne Controller zu ermöglichen.
(rek)