Noch ist das Ausmass der drohenden Google-Schliessung in China völlig offen. Allerdings erklärte der Konzern unlängst, man sei wegen der festgefahrenen Gespräche über die chinesischen Zensurbestimmungen zu «99,9 Prozent» zum Rückzug entschlossen. Bild: KEYSTONE/AP
Keine Routenplaner mehr auf dem Handy, kein kostenloses Musikportal mehr und der mögliche Wegfall eines Mobilfunkanbieters - ein Leben ohne Google (GOOG 609.76-0.40%) würde die chinesischen Internetnutzer noch weiter in die Isolation treiben. Und auch chinesische Unternehmen müssten nach dem drohenden Rückzug des Konzerns ironischerweise mit Einbussen rechnen. «Wenn Google geht, verlieren beide Seiten, nicht nur Google», erklärte der Leiter des Pekinger Forschungsinstituts Analysys International, Edward Yu.
Freuen würde es nur Baidu
Grund dafür ist, dass viele kleine und mittelständische Anbieter auf den Google-Werbeserver AdWords, seinen E-Mail-Dienst Gmail und andere Leistungen zurückgreifen. Diese könnten bei einer Abschaltung der Suchseite google.cn, die über einen Marktanteil von 35 Prozent verfügt, ebenfalls unterbrochen sein. Als einziger profitieren würde hingegen vermutlich der Rivale und Marktführer Baidu, der auf einen Ausbau seines Marktanteils von 60 Prozent hoffen könnte.
Millionen Handykunden drohen indes ihren Zugang zum chinesischsprachigen mobilen Google-Map-Service zu verlieren: China Mobile, der mit 527 Millionen Verträgen grösste Mobilfunkanbieter der Welt, nutzt Google für seine Suchfunktion und den Routenplaner. Unsicher wäre auch die Zukunft des beliebten Gratis-Musikportals Top100.cn, auf das Nutzer nur über Google.cn zugreifen können und das nach Ansicht von Experten massgeblich zum Kampf gegen Musikpiraterie beiträgt. Auch ob Google sein eigenes Handyunternehmen weiterführen würde, ist fraglich.
Google drohen kaum Verluste
Dennoch drohen dem US-Konzern im Fall des Weggangs kaum Verluste. Der Grossteil der Einnahmen von Google in China, die im vergangenen Jahr auf 300 Millionen Dollar geschätzt wurden, stammt von exportorientierten Unternehmen, die ihre Werbung auch nach einer Schliessung von Google.cn auf ausländischen Seiten der Suchmaschine belassen würden. «Wir gehen davon aus, dass der Grossteil der Einnahmen weiter fliessen und die Werbung auf Google.com statt auf Google.cn gelistet würde», sagte Yu.
Auch auf die Entwicklungsfreude der chinesischen Konkurrenten könnte sich ein Wegfall von Google nach Ansicht des Experten negativ auswirken. Ohne den entsprechenden Wettbewerbsdruck würden einheimische Suchmaschinen wie Baidu vermutlich nicht mehr besonders intensiv in Forschung und Entwicklung investieren. «Das ist definitiv schlecht für chinesische Firmen, die eines Tages einmal ins Ausland gehen wollen», erklärte Yu.
Gespräche über Zensur festgefahren
Noch ist das Ausmass der drohenden Google-Schliessung völlig offen. Allerdings erklärte der Konzern am Wochenende laut Zeitungsberichten, man sei wegen der festgefahrenen Gespräche über die chinesischen Zensurbestimmungen zu «99,9 Prozent» zum Rückzug entschlossen. Dies wäre ein herber Schlag für die chinesischen Nutzer, denen bereits der Zugang zu Facebook, Youtube und Twitter verwehrt ist.
In der vergangenen Woche hatte die chinesische Regierung noch einmal Härte im Streit mit Google demonstriert. Der Internetkonzern müsse sich an die Gesetze halten oder die Konsequenzen ziehen, sagte der Minister für Industrie und Informationstechnik, Li Yizhong. Google hatte Mitte Januar Überlegungen öffentlich gemacht, sich nicht länger den Zensurregeln in China zu unterwerfen und sich aus dem dortigen Markt zurückzuziehen, nachdem Hacker E-Mail-Konten von chinesischen Bürgerrechtlern bei Google angegriffen hatten.
In chinesischen Zeitungsberichten hiess es bereits, Google habe aufgehört, sich an die Zensurregeln zu halten und stehe unmittelbar vor der Schliessung von Google.cn. Google-Sprecher Scott Rubin dementierte dies jedoch und erklärte: «Wir haben unsere Geschäfte in China nicht geändert.»
( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )