Apples iPhone lässt Amazon zittern

Von Jan Knüsel . Aktualisiert am 10.02.2009
Das Apple-Handy hat sich klammheimlich zum meistgenutzten E-Book-Reader gemausert. Diese Entwicklung gefällt dem Branchenkrösus Amazon überhaupt nicht. Bisher verhinderte er erfolgreich die Verbreitung seiner elektronischen Bücher über das iPhone.
topelement Die Zeitungsindustrie setzt auf E-Book-Readers mit Gross-Display. Sie spannt dabei mit dem Technologieunternehmen Plastic Logic zusammen. Bild: Plastic Logic Mehr Bilder (11)

Am 9. Februar hat Amazon-Chef Jeff Bezos in New York den Nachfolger seines erfolgreichen E-Book-Readers Kindle vorgestellt. Die neue Version mit der schlichten Bezeichnung Kindle 2 ist dünner, leistungsfähiger und besitzt mit zwei Gigabyte fast zehnmal soviel Speicherplatz wie sein Vorgänger.

Amazons E-Book-Reader ist mit rund 500'000 verkauften Einheiten in den USA der bisher erfolgreichste seiner Gattung und hat zu einer kleinen Revolution in der Buchbranche gesorgt. Kein Wunder, dass der Kindle als der iPod der Literatur gefeiert wird und die mediale Gerüchteküche über eine allfällige Neuerscheinung mittlerweile ebenso stark brodelt wie bei Apple.

Nun scheint aber ausgerechnet dieser Konkurrent den Buchriesen unerwartet nervös zu machen. Denn das iPhone ist auch ein E-Book-Reader. So bietet beispielsweise die Firma Lexcycle mit Stanza ein kostenloses Programm auf dem Handy von Apple an, mit der man im Nu zehntausende Literaturklassiker, deren Urheberrechte abgelaufen sind, über das amerikanische Projekt Gutenberg gratis herunterladen und lesen kann. Zudem hat das Unternehmen aus Portland vom elektronischen Buchladen Fictionwise die Lizenz erworben und darf nun aktuelle E-Book-Titel über Stanza verkaufen. Fictionwise bietet mit eReader auch ein eigenes iPhone-Programm an und vertreibt rund 60'000 Buchtitel. Stanza wurde bisher über eine Million Mal heruntergeladen und hat damit die Kindle-Verkäufe bei weitem übertroffen. Somit ist das iPhone der weltweit meistbenutzte E-Book-Reader.

Kindle versus iPhone

Natürlich kann sich die Qualität des neuen Amazon-Modells sehen lassen: Dank der E-Ink-Technik liest es sich wie ein normales Buch und der Akku hält stolze zwei Wochen. Mit dem Buchhändler-Giganten Amazon im Rücken, steht dem Kindle eine Auswahl an 230'000 Buchtiteln und 40'000 Blogs, Zeitungen und Magazinen zur Verfügung, die wesentlich billiger sind als ihre physischen Pendants. Der Haken dabei: der Kindle 2 kostet umgerechnet knapp 420 Franken und ist ausschliesslich zum Lesen konzipiert.

Stanza ist mit der hochauflösenden Schrift genauso angenehm zu bedienen und zu lesen. Man wird sich zweimal überlegen müssen, ob man sich wirklich die teure Lösung von Amazon leisten möchte, wenn das iPhone gleichzeitig eine kostenlose Variante bietet. Zudem lässt der europäische Verkaufsstart des Kindle immer noch auf sich warten.

Amazon agiert dementsprechend verunsichert. Um auf keinen Fall den teuren Kindle der Apple-Konkurrenz aussetzen zu müssen, verhindert der Buchriese mit dem Kopierschutz DRM (Digital Rights Management) die Verbreitung seiner angebotenen Titel über das iPhone. So lassen sich die E-Book-Titel im Online-Laden Books.ch von Orell Füssli zwar über die Software Mobipocket auf alle möglichen Notebooks, PDAs, E-Book-Reader oder Smartphones herunterladen, doch eine iPhone-Kompatibilität sucht man vergebens. Der einfache Grund: Die französische Firma Mobipocket ist eine Tochterfirma von Amazon.

Apples Reaktion

Wie reagiert Apple auf das neue Potential des iPhones? Scheinbar überhaupt nicht. Noch erinnert man sich gut an Steve Jobs abschätzige Bemerkung, dass die Leute heutzutage nicht mehr lesen und der Kindle wohl kaum grosse Verbreitung finden werde. Aber das Problem greift wohl tiefer. Apple vertritt die Strategie einer Exklusiv-Vermarktung über den hauseigenen iTunes-Store, doch im elektronischen Buchhandel scheint dies nicht möglich, solange mit Amazon ein Quasi-Monopolist vor der Sonne steht. Dass eine Zusammenarbeit der beiden Konkurrenten möglich wäre, zeigt sich am Beispiel des Hörbuch-Verkaufs. Dort hat Apple einen Exklusivvertrag mit Audible.com, das seit letztem Jahr Amazon gehört.

Für die Schweiz bleibt die Situation in diesem zukunftsträchtigen Markt unbefriedigend. Der Kindle lässt auf sich warten und auf das iPhone lassen sich mit Ausnahme der Literaturklassiker praktisch keine aktuellen deutschen Bücher herunterladen. Man darf gespannt auf die weiteren Entwicklungen in diesem Wachstumsmarkt warten.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 10.02.2009, 14:32 Uhr

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