Facebook stösst Myspace vom letzten Thron

Von Angela Barandun . Aktualisiert am 09.06.2009
Myspace ist der Pionier sozialer Netzwerke. Seit kurzem wird die Plattform aber sogar in den USA von Facebook übertrumpft – ein Abstieg, der Böses ahnen lässt.
Reitet mit seiner Plattform immer noch auf einer Erfolgswelle: Facebook CEO Mark Zuckerberg. Bild: KEYSTONE/AP

Eigentlich müsste der Fall klar sein: Das soziale Netzwerk Myspace zählt 235 Millionen registrierte Mitglieder, mehr als jeder andere Internettreffpunkt. Und Myspace verfügt als eine der wenigen Plattformen seiner Art über eine Partnerschaft mit Google, die ihm 300 Millionen Dollar pro Jahr bringen soll. Eigentlich müsste Myspace, Pionier der sozialen Netzwerke, die unbestrittene Nummer 1 sein.

Doch gemäss einer Untersuchung des einflussreichen amerikanischen Technologie-Blogs Tech Crunch ist Facebook dieses Jahr erstmals mehr Wert als Myspace. Für diese Berechnung hat der Blog die monatlichen Besucherzahlen der verschiedenen sozialen Netzwerke nach Ländern aufgeschlüsselt und diese mit den pro Kopf Ausgaben für Online-Werbung im jeweiligen Land multipliziert. Das Ziel ist eine Gewichtung der Nutzer: Wo viel in Internet-inserate investiert wird, sind die Besucher wertvoller als in anderen Ländern. Herausgekommen ist eine Rangliste (siehe Grafik), bei der Facebook über 50 Prozent mehr wert ist als Myspace.

Schweizer nutzen Facebook öfter

Dieser Tage stösst Facebook den älteren Konkurrenten sogar in den USA vom Podest: Neuerdings ist Myspace in keinem Land der Welt mehr das populärste soziale Netzwerk des Landes. Grund: Myspace verliert seit Monaten Besucher. Es registrieren sich keine neuen Mitglieder mehr und von denen, die eingeschrieben sind, besuchen immer weniger die Plattform. Wer trotzdem vorbeisurft, verbringt weniger Zeit dort. Kurz: Myspace schrumpft.

Im Wachstumsmarkt ist das der Anfang des Endes. Und das, obwohl Myspace bis heute jeden Monat über 100 Millionen Besucher verzeichnet und auf einen Wert von 6,5 Milliarden Dollar geschätzt wird, deutlich mehr als alle anderen sozialen Netzwerke ausser Facebook. Myspace umgibt eine Aura des Abstiegs. Bereits heute scheint klar, dass Google den lukrativen Werbevertrag 2010 nicht erneuern wird. Dann hockt Myspace auf monatlichen Kosten in Millionenhöhe – ohne Chancen auf neue Einnahmen. Ein Problem, das nicht nur den Pionier beschäftigt.

Netzwerke beliebter als Emails

Soziale Netzwerke, also Plattformen, auf denen sich die Nutzer darstellen und austauschen, werden immer beliebter. Laut den Medienforschern von Nielsen Netratings verbrachten die Internetnutzer im März erstmals lieber Zeit damit, soziale Netzwerke zu besuchen als private Emails zu verschicken. Ausserdem verbringen die Besucher immer mehr Zeit auf diesen Plattformen. Jeder zweite Schweizer Internet-Haushalt surft regelmässig bei Facebook & Co. In Grossbritannien sind es bereits 7 von 10, in Brasilien 8 von 10.

Gleichzeitig gelingt es aber kaum einem sozialen Netzwerk, aus dieser Popularität Profit zu schlagen. Im Gegensatz zu Suchmaschinen wie Google, die zu ihren Ergebnissen bezahlte Inserate stellen, ist Werbung für soziale Netzwerke bislang nur beschränkt eine Option. Die Nutzer empfinden ihre Profile auf Facebook & Co als zu privat, als dass sie Werbung im grossen Stil akzeptieren würden.

Kostenpflichtige Dienste gescheitert

Profitabel arbeiten nur Netzwerke wie das deutsche Xing und das amerikanische Pendant LinkedIn, die mit zahlenden Premium-Mitgliedern Geld verdienen – alles gut verdienende Geschäftsleute. Xing macht 35 Millionen Euro Umsatz und gut 7 Millionen Gewinn. 8 Prozent der 7 Millionen Mitglieder sind zahlende Kunden. Für Facebook, den grossen Gewinner des letzten Jahres, ist aber auch das keine Option. Ein Versuch, gewisse Dienste kostenpflichtig zu machen scheiterte genauso wie der Anlauf, verstärkt Daten über die Nutzer zu sammeln und so personalisierte Werbung zu verkaufen. Facebook kann sich zwar darüber freuen, endlich im Olymp der sozialen Netzwerke angekommen zu sein. Ob sich das für die Investoren jemals auszahlen wird, wird mit dem Niedergang von Myspace ungewisser denn je.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2009, 06:24 Uhr

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