Musikgeschäft in heikler Phase
Dass der Konzern nun im digitalen Musikgeschäft mitmischen will, zeigt die wirtschaftliche Potenz und strategische Konsequenz des Unternehmens. Ab nächstem Mittwoch soll es in den USA über die Google-Internetseite möglich sein, Song-Schnipsel anzuhören und diese über Handelspartner wie die Online-Musikläden Lala, Imeem oder iLike als Download zu erwerben. Nach Informationen des Branchendienstes «Techcrunch» wird der Service Google Audio heissen und neben Musik-Samples kostenlos auch Bilder, Albumcover, Songtexte und neueste Nachrichten zu den ausgewählten Interpreten bereitstellen.
Es ist kein Wunder, dass Google derart Druck macht. Ähnlich wie der Buchmarkt im Netz befindet sich auch der Handel mit Musikdateien in einer heiklen Phase. Der Digitalisierung ist nicht mehr zu entkommen. Ein Geschäftsmodell, das es erlaubt, der lästigen Raubkopiererei wirksam beizukommen, gibt es aber noch nicht. Amazon und iTunes erzielen zwar längst respektable Umsätze mit Musikdateien, die anhaltenden Verluste der Plattenfirmen im traditionellen Tonträgergeschäft kompensieren diese jedoch bei weitem nicht.
Google verlässt sich auf Browser
Über die Beteiligung der grossen Musikkonzerne an Google Audio gibt es bisher widersprüchliche Informationen. Je nach Quelle haben sie ihre Kataloge entweder bereits für den Dienst lizensiert oder aber überhaupt keine neuen Verträge geschlossen. Mitverdienen jedenfalls dürfte der amerikanische Suchmaschinenkonzern vorerst nicht. Die Erlöse aus dem von Google vermittelten Verkauf von Musikdateien sollen sich die Plattenfirmen und die Online-Händler teilen.
Das Google-Engagement im Musikgeschäft könnte die ob dem illegalen Herunterladen von Musik seit Jahren hilf1os strauchelnden Musikunternehmen von einem grossen Problem befreien. Das zeigt ein Blick auf das, was Google auf dem Buchmarkt plant.
Anders als die Konkurrenz von Amazon oder Sony, die mit ihren relativ teuren Lesegeräten Kindle und Reader im Rennen sind, verlässt sich Google allein auf seinen Browser. Über Google und seine Handelspartner erworbene digitale Bücher sollen vom ersten Halbjahr 2010 an auf E-Books genauso angesehen werden können wie auf SmartPhones, iPhones, Laptops oder Netbooks. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Nutzer haben keine zusätzlichen Hardware-Ausgaben, und Google hat beinahe uneingeschränkte Kontrolle.
Der Kunde erwirbt keine Datei, sondern im Grunde nur das Nutzungsrecht an allein über den Google-Browser zugänglichen Daten. Google liest also immer mit – und erlaubt das Kopieren von höchstens 20 Prozent eines erworbenen Buches. Auf das Musikgeschäft übertragen hiesse das das langersehnte Ende des Raubkopierens und endlich wieder verlässliche Umsätze. Alle Nutzer wiederum würden noch ein bisschen gläserner, als sie ohnehin schon sind: Google hört dann immer mit.
(Tages-Anzeiger)