Einst böse «Piraten», nun Partner der Labels

Von Christian Bütikofer . Aktualisiert am 30.10.2008
Webradios boomen wie nie zuvor. Das Beispiel von SwissGroove aus Zürich zeigt, was in Zukunft von dieser noch jungen Radioszene zu erwarten ist.

Noch vor wenigen Jahren waren sie die «Piraten», die ungefragt Musik im Internet verteilten, ohne einen Rappen Abgaben zu zahlen. So sahen viele Etablierte der Musikindustrie die überall entstehenden Webradios. Das hat sich geändert. Und zwar derart gründlich, dass man kein Prophet sein muss, um mit Sicherheit vorauszusagen, dass nach Printmedien und Fernsehen auch die Radioszene aufgrund des Internets vor massiven Veränderungen steht. Was genau passiert? Das Schweizer Webradio SwissGroove liefert Anschauungsmaterial.

Nischenplayer werden gross

In drei Jahren vervierfachte der Sender seine Hörerzahl auf heute 45'000 Hörer pro Tag. Diese Reichweite ist nichts im Vergleich mit den führenden Schweizer UKW-Privatradios - einige kleinere aber hat SwissGroove damit bereits abgehängt. Doch mit ihnen muss sich ein Spartensender wie SwissGroove, der ausschliesslich Jazz-, Funk-, Soul- und Worldmusik sendet, auch nicht messen. In dieser Stilnische aber mischt SwissGroove bereits auf den ersten Plätzen mit - weltweit.

In der Schweiz konnte das ausschliesslich übers Internet zu empfangende Radio den Zürcher Jazzclub Moods als Partner gewinnen. Mit dem Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL) arbeitet man zusammen, ebenso mit AllBlues, einem Konzertveranstalter, oder diversen Plattenlabels und Fachzeitschriften, wie SwissGroove-Mitarbeiter Thomas Illes ausführt.

Das «Wall Street Journal» berichtete diesen Juni, dass Webradios zur am schnellsten wachsenden Webkategorie gehören. 2008 hörten in den USA wöchentlich 33 Millionen Personen Webradios. In Europa waren es laut einer Bitkom-Studie 2006 20,4 Millionen pro Woche. Wie diverse Studien zeigen, zersplittert der Webradiomarkt in viele Nischensender - wer einmal dem Webradioverzeichnis Shoutcast.com einen Besuch abstattet, kann dies leicht nachvollziehen. Bei den normalen UKW-Radios gäbe es für viele dort aufgeführten Kanäle keinen Platz.

Medium der Webgeneration

Doch durch ihre globale Präsenz bringen es auch Nischenplayer wie SwissGroove und Co. zu einer ansehnlichen Hörerschaft. Und durch das sehr klar festgelegte Zielpublikum werden sie damit äusserst interessant für Werber. So sieht Thomas Illes SwissGroove auch als Promotionsplattform für seinen Musikstil.

Die amerikanische Studie «The Infinite Dial 2008» von Arbitron und Edison Media Research zeigt: Teenager entdecken heute neue Musik mehrheitlich übers Internet und nicht mehr wie bis anhin via die traditionellen Radiostationen. Webradios scheinen ein typisches Medium der jungen Internetgeneration zu sein. Die gleiche Studie zeigt denn auch: Wer wöchentlich Onlineradio hört, benutzt ebenso viel häufiger Social Networking-Sites wie MySpace oder Facebook.

Diesen Trend haben auch die grossen Musiklabels bemerkt. Sie sind noch immer auf der Suche, wie sie ihre Musik im digitalen Zeitalter der Webgeneration wieder verkaufen können. Nun wurde offenbar auch SwissGroove entdeckt. Das Radio ist in ernsthaften Gesprächen mit Universal London über eine Kooperation, wie Thomas Illes verrät. Universal verfügt mit Verve und anderen Jazzlabels über ein immenses Repertoire, das der Major bisher auf Jazzecho.de vermarktet.

Radio beim Arbeiten? Im Web!

Der anhaltende Webradio-Boom hat direkt mit der Verfügbarkeit von Breitbandinternet zu tun. Aber nicht nur. Es sind auch immer mehr Geräte fürs Wohnzimmer erhältlich, die Webradios ohne Computer abspielen können - wie etwa die Squeezebox von Logitech. Und Webradios drängen zunehmend aufs Handy. Nokia etwa stellte im letzten Dezember einen Webradiodienst für einzelne Premium-Handys online und macht ihn heute für diverse weitere Geräte verfügbar. Je mehr die Preise für Datentransfer per Handy in den Keller rutschen, desto beliebter dürfte Webradio werden. Auch die Zunahme an Drahtlos-Webzugängen (W-LAN) begünstigt Webradios weiter.

Am Arbeitsplatz zeichnet sich ebenso ein Wandel ab. Laut der Studie «Internet & Multimedia 2008» von Arbitron/Edison Research gaben 2007 erst 12 Prozent der Personen an, am Arbeitsplatz Radio übers Web zu hören. Nur ein Jahr später sind es bereits 20 Prozent. Das Internet entwickelt sich immer mehr zu dem Medium fürs «Radiohören»: Das hat gravierende Konsequenzen für die UKW-Sender. Der Kampf um die Hörer wird sich verschärfen, denn im Netz hört die Senderkonkurrenz nicht beim vom Bund zugeteilten Konzessionsgebiet auf.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 13.10.2008, 09:55 Uhr

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