Schweizer Theater: Auf die Expansion folgt die Finanzmisere

Von Rico Bandle . Aktualisiert am 13.10.2008
Seit acht Jahren expandieren die grossen Schweizer Bühnen – als herrschte ein Theaterboom. Künstlerisch sind die neuen Spielstätten ein Gewinn, finanziell ein Desaster.
topelement Trotz Geldnot haben die grossen Schweizer Theater in den letzten zehn Jahren stark expandiert. Ein Überblick über die neuen Spielstätten.
Eröffnung im Jahr 2000: Schiffbau des Zürcher Schauspielhauses. Bitte weiter klicken. Bild: Wikimedia / Peter Berger Mehr Bilder (5)

Die Euphorie bei der Eröffnung des Schiffbaus war im September 2000 gross. Von «unbegrenzten Theatermöglichkeiten» schwärmte der damalige Stadtpräsident Josef Estermann über die neue Spielstätte des Zürcher Schauspielhauses. Unbegrenzte Theatermöglichkeiten – das wollen nicht nur die Zürcher. 2001 eröffnete in Basel das Schauspielhaus als Ersatz für die alte Komödie; ein eleganter Neubau, finanziert von einer Gruppe reicher Frauen. Das Stadttheater Bern erfüllt sich seine Theaterträume im Liebefeld, letztes Jahr hat es die Vidmarhalle als neue Spielstätte bezogen.

Auch St. Gallen und Luzern wollen da nicht hintanstehen: Sollte die Volksabstimmung im November positiv ausfallen, kann das Theater St. Gallen in der Lokremise zwei neue Theatersäle beziehen, in Luzern ist gar ein 100 Millionen Franken teurer Neubau fürs Musiktheater geplant.

Akute Geldknappheit in Zürich und Basel

Das Theater erlebt einen grossen Boom, könnte man meinen. Doch die neuen Spielstätten brachten bisher kein zusätzliches Publikum. Im Gegenteil. In Basel und Zürich sanken die Eintritte nach der Erweiterung. Zudem leiden beide Institutionen unter akuter Geldknappheit. Erst in den letzten Tagen kam aus Basel der Hilfeschrei, falls nicht rasch zusätzliches Geld gefunden werde, müsse man das Ballett abschaffen. Und der Zürcher Schauspielhaus-Direktor Matthias Hartmann hat schon vor einiger Zeit angekündigt, dass das Geld für Neuproduktionen in der Schiffbau-Halle nicht mehr reiche.

Eine neue Spielstätte aufzubauen bedeutet Prestige – Politiker und Privatpersonen lassen dafür gerne ein paar Millionen springen. Dass der Betrieb nachher dauerhaft Geld kostet, wird dabei oft vernachlässigt. Das ist nicht nur in der Schweiz ein Problem: Weltweit gibt es teure, prestigeträchtige Kulturneubauten, bei denen das Geld für eine angemessene Bespielung fehlt.

Falsche Erwartungen

Beim Schauspielhaus Zürich hatte man zudem völlig falsche Vorstellungen: Man erwartete mit dem Schiffbau mehr Zuschauer, stattdessen sanken die Zahlen. «Die Zuschauerzahlen von früher zu erreichen, ist kaum mehr möglich. Die Mittel verteilen sich nun auf zwei Häuser, entsprechend weniger Neuproduktionen sind auf der grossen alten Pfauenbühne machbar», sagt Pressesprecher Matthias Wyssmann. In Basel sieht man das Problem weniger beim neuen Schauspielhaus, «als bei der alten Grossen Bühne, die für Basel völlig überdimensioniert ist», wie Verwaltungsratspräsident Martin Batzer sagt.

Die Theater haben die neuen Spielstätten nicht einfach aus Grössenwahn bezogen, künstlerisch sind sie sinnvoll und notwendig. In den alten Theatern mit fester Bestuhlung und Guckkastenbühne sind die Möglichkeiten für Regisseure und Bühnenbildner stark eingeschränkt. Ganz anders in einer leeren Halle: dort kann man die Spielfläche und den Zuschauerraum je nach Projekt anders anordnen. Dies entspricht viel mehr den heutigen Bedürfnissen, ist aber auch sehr teuer. Ausser beim Schauspielhaus Basel ist diese Flexibilität in allen neuen Spielstätten gegeben.

Bern und St. Gallen sind gewarnt

Das Stadttheater Bern hat erst eine Spielzeit in der Vidmarhalle hinter sich, in der Lokremise St. Gallen läuft bis zur Abstimmung erst ein provisorischer Betrieb. Hat man dort aus den Finanzmiseren in Zürich und Basel etwas gelernt? Zumindest in Bern glaubt man, den Kostenrahmen einhalten zu können. Verwaltungsdirektor Anton Stocker: «Voraussetzung für den Bezug der Vidmarhalle war, dass kein zusätzlicher Subventionsbedarf entsteht. Dazu ist viel Disziplin nötig, es sollte aber machbar sein.»

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 29.08.2008, 09:21 Uhr

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