Nein, das Theater Neumarkt ist nicht auf den Hund gekommen! Zwar liebt Barbara Weber Luna, den Hund ihres Bruders Peter Weber. Und natürlich auch Lupo, den Hund ihres Freundes Mike Müller. Den kleinen Lupo hat sie, als neue Kodirektorin des Neumarkt-Theaters, gleich für die erste Spielzeit ins Programm gehoben: «Lupos Hundeshow mit Mike Müller» und diversen hundewissenschaftlich beleckten Gästen findet viermal pro Spielzeit statt («jeder hat das Recht, seinen Hund mitzunehmen»). Das bedeutet freilich nicht bloss freundliches Gewedel, sondern auch ungeschöntes Knurren.
Denn sie machen keine Welpenspielgruppe auf, die zwei selbsternannten «Jungspunde aus der Provinz» (Weber, Jahrgang 1975, Toggenburg; Sanchez, Jahrgang 1975, Basel). Sondern sie haben mit ihrem Jahresbudget von rund 5,5 Millionen Franken eine erste Saison entworfen, die Schwänke ebenso verspricht wie Scharfzüngigkeiten – überhaupt schlichtweg gutes Theater.
«Hardcore Schweiz»
«Es gibt immer was zu erben», lautet das bissige Motto der ersten Spielzeit, die in drei «Kapitel» unterteilt ist: viel Geld und viel Schuld, schöne Theatertraditionen und schmutzige Geheimnisse. Den Auftakt macht eine Nabelschau, die unter dem Stichwort «CH-HC» oder «Hardcore Schweiz» im Oktober und November sieben Projekte zeigt. Mit Lars von Triers Komödie «Der Boss vom Ganzen», die die typisch dänische, typisch schweizerische Harmonie-Strategie ad absurdum führt, eröffnet Rafael Sanchez als Regisseur das Haus am Neumarkt (2. 10.).
Am folgenden Abend erzählt Barbara Weber die «Hair Story: ein Stück mit Songs und unvermeidlichen Bezügen zum Musical von 1968». Kurz: Die neue Intendanz des Hauses inszeniert, politisiert und amüsiert. Dies mit einem Ensemble bestehend aus vier Deutschen, zwei Österreichern und zwei Schweizern: eine dynamisch gemischte Gruppe, von der Debütantin Alicia Aumüller bis zum Schauspielhaus-Juwel Yvon Jansen; eine Gruppe, die sich dem alten Ensemble-Geist verpflichtet fühlt. Mit Max Frischs «Biografie: ein Spiel» (14. 11.) und «Die Lears» nach Shakespeare (6. 11.), beide inszeniert von Weber, reibt man sich am Erbe der grossen Dramatik; und mit «Stuff» – ein Stück über den Rohstoffhandel (Reis, Öl, Gold, Schokolade) – inszeniert von Videokünstler Chris Kondek, am Erbe des Umschlagplatzes Schweiz.
Theo van Gogh und Neil Young
Eine Hoffnung fürs zweite Drittel der Spielzeit, das «Der kalte Krieg» titelt, ist eine Inszenierung von Martin Kusej: «Das Interview», nach dem Film von Theo van Gogh. Diese Schweizer Erstaufführung wäre ein Coup im Kalten Krieg. Auch auf eine Stefan-Pucher-Inszenierung – «Neil Young», mit Yvon Jansen – darf man sich freuen (Juni 2009, unterm Stichwort «Dark Star»); und Stephan Müller (früher selbst einmal Mitglied eines Neumarkt-Direktoren-Duos) wird, so die Planung, im Mai 2009 eine «Villa Tristan» – nach der Liebesgeschichte von Mathilde Wesendonck und Richard Wagner – auf die Bühne bauen. Dass Weber/Sanchez ausserdem den Filmregisseur Bruce LaBruce für ein «unfriendly takeover» des Theaters gewinnen konnten, beweist: Die zwei Künstler bearbeiten das Netzwerk-Erbe ihres Schaffens hardcore.
(Tages-Anzeiger)