Es gab viele Sonderwege in die Demokratie

Von Volker Ullrich. Aktualisiert am 22.09.2009
Was sind die westlichen Werte, wie sind sie entstanden? Das untersucht der Berliner Historiker Heinrich August Winkler in einem grossen transnationalen Geschichtswerk.
topelement Moses’ Gesetzestafeln: Die Menschenrechte, symbolisch überhöht vom Maler J. J. Lebarbier (1738-1826, Ausschnitt).
Im Jahr 2000 veröffentlichte der Berliner Historiker Heinrich August Winkler eine zweibändige deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts unter dem – mittlerweile sprichwörtlichen – Titel «Der lange Weg nach Westen». Darin beschrieb er die Schwierigkeiten der verspäteten Nation, sich vorbehaltlos der politischen Kultur des Westens zu öffnen. Eine Geschichte, die nach allen fürchterlichen Verirrungen am Ende doch zu einem glücklichen Ausgang geführt hat: Seit 1990, so lautet die versöhnliche Botschaft, haben Nation und Demokratie, Einheit und Freiheit endlich zu einer Balance gefunden. Eine «deutsche Frage» gibt es nicht mehr.

Was aber heisst das: «Politische Kultur des Westens»? Was meinen wir, wenn wir von der «westlichen Wertegemeinschaft» sprechen? Und wie hat sie sich historisch entwickelt? Dies ist das Thema der «Geschichte des Westens» von Heinrich August Winkler, deren erster, bis 1914 führender Band in diesen Tagen erscheint. Es ist zweifellos das Ereignis auf dem deutschsprachigen historischen Buchmarkt dieses Herbstes, denn eine Geschichte der westlichen Welt, wie sie hier präsentiert wird, gab es bislang nicht. «Dabei», so heisst es im Vorwort, «sind die Verbindungen zwischen dem alten und dem neuen Westen so eng und die Gemeinsamkeiten so gross, dass das Fehlen einer transnationalen Geschichte überrascht.»

Eine Darstellung mit drei Kernfragen

Eine solche transnationale Geschichte zu schreiben, ist allerdings ein äusserst an-spruchsvolles Unternehmen. Es verlangt, wenn es sich nicht im Uferlosen verlieren soll, eine Verdichtung des historischen Stoffes und eine Konzentration auf wenige wichtige Fragestellungen. Eben das tut Winkler. Er hat sein Werk nicht als «histoire totale», also als eine alle Aspekte umgreifende Synthese angelegt, sondern als eine «Problem- und Diskursgeschichte», in der er vor allem drei Fragen nachgeht. Erstens: Wie ist das entstanden, was wir als «Westen» bezeichnen, und welche Ideen und Werte werden damit verbunden? Zweitens: Wie lassen sich die auffälligen Unterschiede im Prozess der «Verwestlichung» einzelner Länder erklären? Und drittens: Warum ist der Westen in seiner politischen Praxis so häufig von den eigenen normativen Postulaten abgewichen?

Diese Leitfragen entfaltet Winkler in souveränem Zugriff, indem er, methodisch gekonnt und darstellerisch geschickt, politische Geschichte, Ideengeschichte und Verfassungsgeschichte miteinander kombiniert. Auf Deutschlands «langen Weg nach Westen» folgt nun also der lange Weg des Westens zu sich selbst – tief steigt der Berliner Historiker hinab zu den antiken und christlichen Ursprüngen westlicher Vorstellungen von Individuum, Recht, Religion und Staat.

In der Trennung von geistlicher und weltlicher Macht, wie sie als Ergebnis des Investiturstreites im späten 11. und frühen 12. Jahrhundert vollzogen wurde, sieht Winkler ein epochemachendes Ereignis und den Schlüssel zur Erklärung alles Weiteren: «Nur im Westen war durch die Trennung von geistlicher und weltlicher, dann von fürstlicher und ständischer Gewalt der Grund gelegt worden für das, was wir Pluralismus und Zivilgesellschaft nennen. Nur im Westen gab es den Rationalisierungsschub, der von der Rezeption des römischen Rechts ausging. Nur im Westen entstand ein städtisches Bürgertum, das wagemutige Kaufleute und Unternehmer in grosser Zahl hervorbrachte. Nur im Westen konnte sich der Geist des Individualismus entfalten, der eine Bedingung allen weiteren Fortschritts war.»

England als politischer Pionier

Freilich, von den Frühformen der Gewaltenteilung im Mittelalter bis hin zu Rechtsstaat und Demokratie war es ein weiter, immer wieder von Rückschlägen unterbrochener Weg. Winkler zeigt: Es war England, die erste parlamentarische Monarchie in Europa, in der die mittelalterliche Trennung von fürstlicher und ständischer Gewalt weiterentwickelt wurde zur modernen Gewaltenteilung, wie sie Montesquieu in seinem klassischen Werk «Vom Geist der Gesetze» von 1748 formuliert hatte – die Trennung von gesetzgebender, vollziehender und rechtsprechender Gewalt. Mit ihr untrennbar verbunden war das Bekenntnis zur «rule of law», der Herrschaft des Rechts, zum Prinzip der repräsentativen Regierung und schliesslich zur Idee der unveräusserlichen Menschenrechte. All dies zusammen zählt zum Kernbestand dessen, was Winkler das «normative Projekt des Westens» nennt.

Allerdings macht der Autor deutlich, dass dieses Projekt nicht allein eine Errungenschaft des «alten Westens» war, sondern das Ergebnis transnationalen Zusammenwirkens. Die ersten Menschenrechtserklärungen wurden, angefangen mit der Virginia Declaration of Rights vom 12. Juni 1776, von den um ihre Unabhängigkeit von England kämpfenden amerikanischen Kolonisten verkündet. Sie übten einen starken Einfluss aus auf die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte durch die französische Nationalversammlung am 26. August 1789.

Revolutionsvergleich: Das Glanzstück

Die vergleichende Darstellung der Amerikanischen Revolution von 1776 und der Französischen Revolution von 1789 zählt zu den Glanzstücken des Buches. Winkler gibt dem Werk der amerikanischen Verfassungsväter den Vorzug, die sich das englische Prinzip der «checks and balances», der sich wechselseitig in Schach haltenden Gewalten, zu eigen gemacht hatten.

Die Ideen von 1776 und 1789 markieren den Massstab, an dem sich der Westen künftig messen lassen musste – und an dem auch Winkler die politische Geschichte seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert misst. Als deren hervorstechendstes Merkmal arbeitet er frappierende Ungleichzeitigkeiten heraus.

Frankreichs unzählige Machtwechsel

Ganz ohne radikale Brüche verlief die Entwicklung in England, wo die politische Elite eine bemerkenswerte Fähigkeit bewies, durch allmähliche Demokratisierung des Wahlrechts das überkommene parlamentarische System den neuen Anforderungen im Gefolge der industriellen Revolution anzupassen. Im Gegensatz dazu etwa erlebte Frankreich zahlreiche Regimewechsel: Auf das Empire Napoleons folgte 1815 die Restauration der Bourbonen, nach der Revolution von 1830 das Juli-Königtum Louis-Philippes, nach der Revolution von 1848 und der Zweiten Republik 1852 das Zweite Kaiserreich Napoleons III. nach dessen Niederlage im deutsch-französischen Krieg von 1870/1871 schliesslich die Dritte Republik.

Heinrich August Winklers weitgespannte Tour d'Horizon, die kleinere Länder wie die Schweiz, aber auch ein grosses nicht westliches Land, Russland, einbezieht, legt den Schluss nahe: Es gab nicht nur einen, sondern viele Sonderwege in die moderne Demokratie. In keinem Land aber war die Ablehnung gegenüber den Ideen von 1789 so ausgeprägt wie in Deutschland.

«Aufgeklärter Absolutismus»

Das hatte, wie Winkler hervorhebt, mit der Tradition des «aufgeklärten Absolutismus», dem Vertrauen auf die Reformbereitschaft der Fürsten zu tun, aber auch damit, dass sich der frühe deutsche Nationalismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Widerstand gegen die napoleonische Fremdherrschaft entzündet hatte.

Winkler verklärt die politische Kultur des Westens nicht. Vielmehr zeigt er, dass ihre Geschichte über weite Strecken eine Geschichte der Verstösse gegen die eigenen Ideale war. Das galt zum Beispiel schon für den Skandal der Sklaverei in den Südstaaten der USA, dem erst der amerikanische Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 ein Ende setzte. Das traf aber noch mehr zu für die Zeit des Hochimperialismus seit den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts, in der die westlichen Mächte die übrige Welt ihrer formellen oder informellen Herrschaft unterwarfen und dabei auch schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit begingen. Eine Blutspur zieht sich durch die westliche Kolonialgeschichte, und allein das verbietet jeden Gestus der Überheblichkeit.

Doch zugleich betont Winkler, dass der Westen, so zynisch er sich gegenüber der nicht westlichen Welt zumeist verhielt, immer wieder die Fähigkeit besass zur Selbstkritik und zur Korrektur seiner Praxis.

Bricht Lanze für deutsche Geschichtswissenschaft

Der deutschen Geschichtswissenschaft ist häufig vorgeworfen worden, sie sei provinziell und gefalle sich in nationaler Nabelschau. Heinrich August Winklers Werk ist ein glanzvolles Dementi – transnationale Geschichtsschreibung auf höchstem Niveau. In der Weite der Perspektiven, der analytischen Durchdringung des Stoffes, der Schärfe des historischen Urteils ist es einzigartig.

Da Winkler über die seltene Gabe verfügt, zugleich reflektiert und anschaulich zu erzählen, ist es ausserdem ein Lesevergnügen. Gespannt wartet man nun auf den zweiten Band, der von 1914 bis zur Gegenwart führen soll.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.09.2009, 16:58 Uhr

Das Buch

Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert. Verlag C. H.Beck, München 2009. 1328 S., ca. 62 Fr.

Interaktiv

Weitere Artikel Kultur