Gary Larson und das Monster unter dem Bett

Von Adrian Sulc . Aktualisiert am 21.03.2010
Kühe, die Raketen bauen, und Forscher, die Tiere küssen, – über 4000 Mal hat Gary Larson die «andere Seite» beleuchtet, bald erscheint im «Bund» sein letzter Cartoon.
Der Cartoonist, der mit 44 Jahren in Rente ging: Gary Larson. (Dan Lamont)

Noah zockt die Tiere in seiner Arche am Pokertisch ab, im trauten Heim von Herrn und Frau Einzeller bahnt sich eine Ehekrise an und eine Hauskatze beklagt sich auf der Couch ihres Psychiaters, sie fühle sich abhängig. Willkommen auf der «anderen Seite» von Gary Larson. Es sind Tiere, die sich wie Menschen verhalten, und Menschen, die in ihren Rollen die Absurdität des Alltags vorführen. Dazu kommen Ausserirdische, die sich wahlweise im Weg irren oder Erdlinge verspeisen, Teufel, welche die Hölle mit professionellem Sadismus betreiben, und sporadisch taucht auch Gott höchstpersönlich auf – sei es in seiner Küche oder in einer Fernseh-Quizsendung, wo er den bisherigen Champion, einen normalen Menschen, alt aussehen lässt.

Über 4000 Cartoons hatte Larson gezeichnet, als er 1995 in Pension ging – gerade einmal 44 Jahre alt war er damals. Als Multimillionär geniesst er seither das Leben mit Gitarrespielen, Reisen und Tauchen – und ohne den Druck, einen täglichen Cartoon produzieren zu müssen. Der Zeitung USA Today sagte er, er vermisse das Zeichnen nicht. «Es kann eine Qual sein. Die Uhr an der Wand tickt und ich denke ,Wie wird das enden?’ und starre auf ein leeres Blatt.» Jeden Samstag, wenn der Kurierdienst die sieben (später fünf) Zeichnungen der Woche abgeholt hatte, habe sich dies wie ein kleines Wunder angefühlt.

Keine Autogramme, keine Fotos

Er galt schon immer als scheuer Zeitgenosse, doch seit seiner Pensionierung ist Larson gänzlich von der Bildfläche verschwunden. Autogrammwünsche und Fanpost beantwortet er kategorisch nicht, die zahlreichen Interviewanfragen werden von seinen Verlagsmitarbeitern dankend abgelehnt und Fotos von Larson findet man bei keiner Bildagentur. (Die nebenstehende Aufnahme aus dem Dia-Archiv eines amerikanischen Fotografen entstand 1988.) Larson hat auch die Produktion von T-Shirts und Postkarten stoppen lassen – und nun auch die Verbreitung seiner Cartoons via Zeitungen. Deshalb wird auch im «Bund» Ende März letztmals eine «andere Seite» erscheinen.

Larson hält keine Vorträge und tritt nirgends auf. Er will auch in Seattle, wo er zusammen mit seiner langjährigen Ehefrau lebt, unerkannt bleiben. Denn an Fans, die ihn zur Rückkehr zum Tageswerk bekehren möchten, mangelt es auch noch heute nicht. 14 Jahre lang hat er bis zu 1900 Publikationen beliefert. Seine Cartoons wurden in 17 Sprachen übersetzt und 45 Millionen Mal in Buchform sowie millionenfach als Tageskalender verkauft.

Die Figuren sterben jede Woche

Und dies trotz dem anfänglichen Rat seines Verlagschefs, einen Strip, also einen Mehrbildcomic, mit täglich wiederkehrenden Charakteren zu zeichnen, weil sich ein solcher besser den Zeitungen verkaufen lasse. Doch Larson wollte keine Charaktere entwickeln, keine Witze mit Pointen erzählen, wie er selber im Sammelband seiner Cartoons schreibt: «Meine immer wechselnden Figuren wurden rund zweimal pro Woche zerquetscht, aufgespiesst, erschossen, geköpft, gegessen, gestopft, vergiftet und überfahren.» Doch genau dieser absurde bis schwarze Humor hatte grossen Erfolg – wenn er auch, wie Leserbriefe dies- und jenseits des Atlantiks zeigen, nicht auf uneigeschränkte Begeisterung stiess.

Besondere Beliebtheit hat der heute 59-jährige Larson mit seinen Cartoons im naturwissenschaftlichen Milieu erfahren. Kindische Wissenschaftler, stets in seriösen weissen Laborkitteln, sind ein wiederkehrendes Thema – etwa wenn sie einem Glacéverkäufer nachrennen, in einem sinnlosen Experiment Tiere auf ihre Kussfähigkeit testen oder wenn sie dem Gruppendruck ihrer Laborkollegen ausgesetzt sind. Die Biologengemeinde ihrerseits hat mittlerweile drei neuentdeckte Insektenarten nach Larson benannt: Den Käfer Garylarsonus, die Laus Strigiphilus garylarsoni und den Schmetterling Serratoterga garylarsoni.

Gebrüder Larson im Sumpf

Dass er sein Biologiestudium abgebrochen und dafür Kommunkationswissenschaft studiert hat, bezeichnete Gary Larson einmal in der New York Times als einen seiner grössten Fehler. Denn er hegt eine grosse Faszination für alle Tierarten. Begonnen hat sie – dies schildert Larson im erwähnten Sammelband ausführlich – in einem Sumpf nahe seinem Elternhaus in Tacoma im US-Bundesstaat Washington. Dort verbrachten Larson und sein älterer Bruder Tage und Monate mit dem Fangen und Sammeln jeglicher Fauna. Ein Thema, das Larson mit dem mannigfaltigen Erscheinen von Forschern mit Tropenhelmen in seinen Cartoons aufgenommen hat.

Der kleine Privatzoo, den die Larson-Brüder damals im heimischen Keller aufbauten, wurde im Erwachsenenleben durch diverse exotische Tiere in Larsons Terrarien ersetzt: Mehrere Boas, eine viereinhalb Meter lange Python, Taranteln, Vogelspinnen, Ochsenfrösche und fleischfressende Hornfrösche gehörten zu seinem Arsenal – viele dieser Arten tauchten später in seinen Zeichnungen auf.

Aber Larson, der vor seinem Durchbruch als Cartoonist für die grosse US-Tierschutzorganisation Humane Society arbeitete, haben es auch die Tiere seiner Breitengrade angetan: Katzen, Hunde, Enten und vor allem Kühe. So schmieden die Kühe – in ihnen sieht Larson etwas Tragikomisches – Pläne gegen ihre Besitzer, geben Poesie-Lesungen oder versuchen sich am Bau einer Weltraumrakete.

Woher kommen die Ideen?

Eine andere Art von Larsons wiederkehrenden Figuren sind Monster, die Nachts den Kindern in ihren Zimmern auflauern – unter dem Bett, im Wandschrank oder hinter der Türe. Wie oft ihn doch Leute gefragt hätten, woher er seine Ideen nehme, schreibt Larson. Dabei sei es so einfach: Aus der Kindheit. Die Angst vor Monstern, die von seinem älteren Bruder gefördert worden sei, ist jedoch gewichen – und so hat Larson den Spiess in seinen Cartoons auch schon umgedreht: Zwei Monster schlafen nachts unter einem Kinderbett. Das eine Monster kann aber nicht einschlafen, denn es hat das «unheimliche Gefühl», dass sich «etwas» da oben auf dem Bett befinde. Typisch für Larsons surrealen Blick von der «anderen Seite».

Was Larson neben den dutzenden Tierarten, die er zeichnet, fasziniert, sind menschliche Extremsituationen. Zwei Verdurstende in der Wüste, zwei Schiffbrüchige in einem Gummiboot sowie die bekannte Gestrandeteninsel mit einer einzigen Palme gehören zu den beliebtesten Motiven. Diese Umgebungen sind so frei von Reizen und Auswegen, dass Larson voll und ganz auf die oft absurde Interaktion eingehen kann.

Auch bei seinem Figurenkabinett arbeitete Larson mit der Vereinfachung. So nimmt immer derselbe namenlose dicke Knabe mit Brille die Rolles des Kindes ein. Weibliche Figuren kennzeichnet Larson grundsätzlich mit einer strengen, kantigen 50er-Jahre-Brille – egal ob Mensch, Kuh oder Käfer.

Larson’sche Biodiversität

Wie die Brillengestelle aus der Zeit seiner Kindheit heute verschwunden sind, so sind es auch die von Tierchen strotzenden Sümpfe in Tahoma. Für Larson ist dies mit ein Grund, sich mit einem Teil seines Vermögens für den Schutz von Lebensräume für Tieren einzusetzen.

Doch Biodiversität kann bei Gary Larson auch anders aussehen: Gott steht in seiner Küche, auf dem Herd ein Kochtopf, in welchem die Erde schwimmt. Bäume, Reptilien, Vögel und verschiedenen Menschensorten hat er bereits beigemischt. Schliesslich greift er ins Regal zu einem Streuer, der mit «Idioten» beschriftet ist. «Um es etwas interessant zu machen», denkt sich der weissbärtige Schöpfer dabei.

(Der Bund)

Erstellt: 21.03.2010, 10:52 Uhr

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