«Ich beraube schonungslos mich selbst»

Aktualisiert am 09.02.2010
Der Plagiatsvorwurf gegen die als Wunderkind gefeierte Autorin Helene Hegemann wirft hohe Wellen. Auf «Welt Online» rechtfertigt sich die 17-Jährige.
«Ich selbst empfinde es nicht als geklaut»: Autorin Helene Hegemann. Ullstein Verlag

Das Feuilleton feierte «Axolotl Roadkill» als Stellvertreter-Roman für die Nullerjahre-Generation. Das Buch über die Verzweiflung, Liebessehnsucht und Drogenexzesse eines 16-jährigen Mädchens wurde mit Lobeshymnen überdacht. Letzte Woche kam heraus, dass Hegemann ganze Passagen aus einem im Internet publizierten Text kopiert hatte.

«Ich selbst empfinde es nicht als geklaut, weil ich ja das ganze Material in einen völlig anderen und eigenen Kontext eingebaut habe und von vornherein immer damit hausieren gegangen bin, dass eben überhaupt nichts von mir ist», rechtfertigt sie sich in einem Interview mit «Welt Online». Und: «Wenn da die komplette Zeit über reininterpretiert wird, dass das, was ich geschrieben habe, so ein Stellvertreterroman für die Nullerjahre ist, muss auch anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation.» Sie klaue nicht nur bei Autoren, sondern überall: «Da beraube ich total schonungslos meine Freunde, Filmemacher, andere Autoren und auch mich selbst.»

«Das klingt jetzt blöd»

Da bleibt die Frage, weshalb sie unterschlagen hat, dass und bei wem sie sich bedient hat. Hegemann meint schlicht, sie habe es vergessen. «Als ich das gedruckte Buch in der Hand hatte, habe ich gemerkt, so blöd das jetzt klingt, dass die Danksagung total unvollständig war, und es auf der Stelle für die zweite Auflage ändern lassen. Das war lange bevor mir diesbezüglich irgendwas vorgeworfen wurde.»

Wie oft in solchen Fällen, kommt auch Hegemann nachdem sie ertappt wurde mit dem Argument, auch andere grosse Autoren hätten sich bei Fremdtexten bedient: «Es gab auch nichtpubertierende, für extrem professionell gehaltene Klauer: Shakespeare hat Montaigne mit Übersetzungsfehlern abgeschrieben, Brecht hat Gedichte von seinen Freundinnen unter seinem Namen veröffentlicht, Goethe hat seinerseits dann Shakespeare abgeschrieben im Faust.»

Zum Erfolgsrezept ihres Buches sagt sie: «Man findet's immer spannend, wenn man Teenager in irgendwelchen sozialen Kunstformen scheitern sieht.» Die Literaturwelt findet es nun spannend, sie als Schummlerin ertappt zu haben. Für sie bedeutet dies aber alles andere als ein Scheitern: Dank dieser Angelegenheit ist Hegemann zu einem der bekanntesten Teenagern Deutschlands geworden.

(rb)

Erstellt: 09.02.2010, 11:52 Uhr

Stichworte

Weitere Artikel Kultur