Ratten im Paradies

Von Martin Halter . Aktualisiert am 15.02.2012
In seinem neuen Roman schreibt T. C. Boyle einmal mehr über Menschen, die das Gute wollen und die Katastrophe erreichen. Das Buch ist ein Lehrstück aus dem Nationalpark.
Der grünste unter den US-amerikanischen Autoren sympathisiert mit Aussteigern, ohne sie zu idealisieren: T.C. Boyle mit seinem Hund Dardar. Bild: KEYSTONE/AP

Für Biologen sind die Santa-Barbara-Inseln vor der Küste Kaliforniens das «Galápagos Nordamerikas», ein Labor lebendiger Evolutionsgeschichte. Die zweitausend Tier- und Pflanzenarten, die hier ums Überleben kämpfen, enthüllen unsere Vorstellung von einem natürlichen ökologischen Gleichgewicht als Fiktion. Die Ratten, die hier 1853 ein sinkendes Schiff verliessen, vermehrten sich so stark, dass sie die Artenvielfalt wegzubeissen drohten. Schafe – vor der Umwandlung in einen Nationalpark waren die Inseln die Heimat von Schafzüchtern und Glücksrittern – überweideten das Land. Verwilderte Schweine frassen das Gebüsch, in dem seltene Vogelarten nisteten, und wurden ihrerseits von «invasiven Spezies» wie Weisskopfadlern und Zwergfüchsen verdrängt.

Das Eingreifen des Menschen machte alles noch komplizierter: Als die Nationalparkverwaltung 2001 aus Helikoptern Gifttabletten gegen die Rattenplage abwarf, protestierten militante Tierschützer. Ökologie und Tierschutz stehen immer in einem Spannungsverhältnis. In «Wenn das Schlachten vorbei ist», T. C. Boyles neuem Roman, verhalten sie sich wie kühler Kopf und heisses Herz. Beide Seiten haben bis zu einem gewissen Grad recht: die kühlen, professionellen Naturwissenschaftler, die das bedrohte Ökosystem retten wollen, und die hitzköpfigen Naturschützer, für die auch eine Ratte zur Schöpfung gehört. Wer gibt den Menschen das Recht, Gärtner, Schlächter, ja Gott zu spielen?

Sympathie für die Aussteiger

T. C. Boyle, der grünste unter den US-amerikanischen Autoren, schreibt seit über vierzig Jahren Romane und Erzählungen über solche Konflikte zwischen Natur und Zivilisation, über die Sehnsucht nach dem einfachen Leben und den Versuchungen des American Way of Life. Mal kommen sich Siedler und Ureinwohner in die Quere, mal mexikanische Einwanderer und privilegierte weisse Amerikaner, mal Baumschützer und Abholzfirmen, mal Marihuanazüchter und Staatsgewalt. In «Willkommen in Wellville» trafen im Sanatorium von Dr. Kellogg die Vegetarier auf die Fleischfresser. Im postapokalyptischen Roman «Ein Freund der Natur» stellte Boyle den heimlichen Traum aller Umweltfreunde auf den Prüfstand, nämlich eine von Menschen befreite Welt. In «Drop City» erfroren die Träume einer Hippiekommune von einem anderen Leben im eisigen Winter von Alaska. Zuletzt, in «Das wilde Kind», erzählte Boyle von der missglückten Dressur eines Wolfskinds im Jahrhundert der Aufklärung.

Boyle sympathisiert mit seinen idealistischen Aussteigern, aber er idealisiert sie nicht. Es gibt kein Zurück zur Natur: Die Tür zum Paradies bleibt verriegelt. Boyles fröhliche Kiffer, Sexualreformer und Blumenkinder, seine Tier- und Baumfreunde sind nicht nur sträflich blauäugig, sondern oft auch überheblich oder gar gefährlich. Umgekehrt haben selbst die schlimmsten Feinde der Natur – Konsumidioten, Pauschaltouristen, bornierte Bürokraten, korrupte Journalisten – auch freundliche oder jedenfalls komische Züge.

So rasen in fast allen Romanen von T. C. Boyle die Menschen, die durch gegensätzliche Prinzipien und Lebensformen getrennt und durch eine gemeinsame Geschichte verbunden sind, wie Züge aufeinander zu. Die unvermeidliche Katastrophe reisst aggressive, hirnlose Männer und friedliche, warmherzige Frauen in den Abgrund. Und am Ende triumphiert immer die Natur. Wie sehr sie auch ausgebeutet und vergewaltigt, ideologisch verklärt und sentimental verhätschelt wird: Letztlich gehen an ihrer «Kraft und Grösse» alle menschlichen Kontroll- und Unterwerfungsversuche kläglich zuschanden. Das gilt auch für seinen neuen Roman.

Auf der einen Seite steht Alma Boyd Takesue, promovierte Ökologin und Pressesprecherin des Nationalparks. Auf der anderen Dave LaJoy, erfolgreicher Elektrogerätehändler, frisch bekehrter Veganer und cholerischer Ökofanatiker. Wem die Sympathie des Autoren gehört, ist klar: Alma ist manchmal vielleicht zu ungeduldig und kopfgesteuert, aber ihr Erzfeind ist ein Ekel, grossmäulig, selbstgerecht, rüpelhaft.

Für Tiere über Menschenleichen

Aber wie fast immer verknüpft T. C. Boyle seine Widersacher auch diesmal durch ein Netz von biografischen Fäden, Parallelstrukturen und spiegelbildlichen Motiven, die das Gut-Böse-Schema aufbrechen. Alma hatte einst eine kurze Affäre mit Dave. Ihr derzeitiger Freund Tim, Ornithologe und überzeugter Lenker eines Hybridautos, erweist sich als jämmerlicher Prinzipienreiter. Umgekehrt kann Alma von Daves Freundin, der Folksängerin Anise, einiges lernen: Was für die Ökologin nur ein wissenschaftliches Versuchsfeld ist, ist für die auf den Inseln aufgewachsene «Hippieprinzessin» mit Erinnerungen und Emotionen durchtränkte Heimat. Und was für Alma nur «Kollateralschäden» sind, nennt Dave Folter und Massenmord.

Der Wüterich geht bei seinem Feldzug für die Ratten über Menschenleichen – und setzt die Waschbären, die seinen neuen Rollrasen zerstört haben, auf den Inseln aus. Aber auch Alma macht sich schuldig: «Sie mordet im Dienst einer höheren Sache, für Wiederherstellung, Wiedergutmachung, Erlösung, aber sie mordet.» Die Heilige Johanna der Ökologie setzt chemische Keulen und blutrünstige neuseeländische Jäger gegen wehrlose Ratten und Schweine ein – und überfährt auf der Fahrt zu einem Öko-Meeting ein Eichhörnchen.

Es sind diese kleinen tragikomischen Widersprüche, die Boyles Freunde der Natur menschlich machen. «Wenn das Schlachten vorbei ist» hinterfragt eindringlicher denn je unsere Vorurteile und Kompromisse. Die Fronten verlaufen nicht zwischen Umweltschweinen und edlen Wilden, sondern quer durch das Lager des «Guten». Tierschützer können Sozio- und Psychopathen sein, Vegetarier auch Menschenfresser und Vogelfreunde ohne Herz; umgekehrt erweisen sich raue Cowboys oder spiessige, alkoholkranke Mütter manchmal als überraschend sensibel.

«In der Welt der Gesellschaft, der Wirtschaft, des Fernsehens und des Vergessens» macht sich jeder die Hände schmutzig, der leben und ein bisschen Spass haben will; aber Boyle hat auch keine Lust, sich in die Ecke des Verzichtpredigers und apokalyptischen Mahners drängen zu lassen.

Eine Schlange im Paradies

T. C. Boyle ist in seinem neuen Roman so bitter und ratlos wie selten, und das bekommt seinem Roman nicht unbedingt. Die Figuren sind eher flach und schematisch-konstruiert geraten. Humor, Ironie, Spannung, alles, wofür er von seinen Fans geliebt wird, kommen diesmal entschieden zu kurz; umso länglicher fallen die naturgeschichtlichen Exkurse über Tüpfelskunks, Nachtbaumnattern und Hirschmäuse aus.

«Wenn das Schlachten vorbei ist» ist eine Art evolutionsbiologischer Öko-Western, aber T. C. Boyle hat sein Pulver schon viel zu früh verschossen, und der Showdown fällt ins Wasser. Am Ende schleicht eine Klapperschlange durch das Fest der Überlebenden. Die Schlange im Paradies ist Daves posthume Rache: Das Schlachten hört nimmer auf.

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T. C. Boyle, aus dem Engl. von Dirk van Gunsteren. Hanser, München 2012, 462 S. ISBN: 978-3-446-23734-6

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.02.2012, 08:14 Uhr

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