«Sie kopiert, klaut und sagt, das sei ganz normal»

Interview: Rico Bandle . Aktualisiert am 09.02.2010
Ist das Buch der gefeierten Jung-Autorin Helene Hegemann tatsächlich ein Plagiat? Der Germanist und Plagiats-Experte Philipp Theisohn sagt, weshalb Hegemanns Vorgehen höchst problematisch ist.
Die Netzkultur in den klassischen Literaturbetrieb gebracht: Helene Hegemann. pd

Ist Helene Hegemanns Buch «Axolotl Roadkill» ein Plagiat?
Entscheidend ist: Wie bewerten wir geistiges Eigentum? Zurzeit existieren parallel zwei literarische Kulturen. Einerseits die klassische, mit Autoren, Verlagswesen und Zeitungsrezensionen, andererseits die Netzkultur, die auf Copy/Paste setzt, auf gemeinschaftliches, vernetztes Schreiben. Beides ist legitim, setzt aber jeweils ein völlig anderes Verständnis von geistigem Eigentum voraus. Hegemanns Fall ist deshalb so interessant, ja geradezu paradigmatisch, weil die Autorin meint, beide Kulturen miteinander verbinden zu können.

Und das geht nicht?
Ganz und gar nicht. Nicht nur die Autorin, auch die Literaturkritiker haben jetzt ein Problem. Man hat ein klassisches Autorenbild entworfen, «die junge, geniale Autorin», «das Sprachrohr einer Generation», «der grosse Stellvertreter-Roman». Alles Begriffe, die ganz klassisch auf Eigentum, Erfindung, Originalität oder Authentizität setzen. Und plötzlich erfahren wir, dass die Autorin zur anderen Kultur gehören möchte: Sie kopiert, klaut und sagt, das sei ganz normal, das spiegele das Jahrzehnt wieder – was mit der klassischen Autorenschaft nicht kompatibel ist.

Hegemann selbst bringt ihr Vorgehen mit Shakespeare, Brecht oder Goethe in Verbindung, die ebenfalls geklaut haben.
Die Strategie ist sehr alt, dass man ein eigenes Vergehen damit begründet, Goethe oder Thomas Mann hätten auch abgeschrieben. Das ist aber so nicht ganz richtig, denn die Verwendung von Fremdtext kann immer nur im Kontext mit der entsprechenden Zeit und der entsprechenden Vorstellung von geistigem Eigentum und geistigem Diebstahl betrachtet werden.

Kann sich der Eigentumsbegriff nicht auch wieder ändern, auch im klassischen Bereich?
Natürlich, das wird er wohl auch. Aber da reden wir von gesamtgesellschaftlichen Prozessen, die noch lange nicht abgeschlossen sind und über deren Endergebnis kein einzelner einfach befinden kann. Hegemann spricht ja von einem «Urheberrechts-Exzess», den ihre Generation beende. Doch ohne diesen angeblichen «Urheberrechts-Exzess» gibt es auch keinen Verlag, in dem sie erscheint und über den sie Geld verdient. Das bestehende Urheberrecht bildet die ökonomische Grundlage all jener, die heute in irgendeiner Weise von Literatur leben müssen. Wenn Frau Hegemann das partout ablehnt, dann muss sie konsequent sein, Teil der Netzkultur bleiben und bloggen, wie all jene Leute, von denen sie geklaut hat. Der Preis dafür wäre: Sie hat keinen Namen, nur wenig Anerkennung, schreibt im und für das Kollektiv.

Müsste man nun aus ihrem Buch klauen und schauen, wie sie reagiert?
Genau. Ihr wäre das vielleicht egal, aber ihr Verlag würde mit Bestimmtheit einschreiten, denn das klassische Verlagswesen könnte mit einem solchen Urheberrechtsverständnis nicht überleben.

Hegemann sagt, sie empfinde es nicht als geklaut, da sie die Textpassagen in einen anderen und neuen Kontext gestellt habe.
Den Einwand halte ich in diesem Fall nicht als gerechtfertigt. Der Präzedenzfall in dieser Hinsicht ist Franz Schätzings Bestseller «Der Schwarm». Schätzing hatte aus Sachtexten im Internet kopiert, und sie in den Roman eingebaut. Da gab es eine Klage, die abgewiesen wurde. Die Fiktionalisierung der Sachtexte war für das Gericht keine Verletzung des Urheberrechtsschutzes. Vermutlich käme auch Hegemann vor Gericht durch. Doch bei Hegemann ist die Situation eine ganz andere: Der literarische Text, bei dem sie sich zum Teil wortwörtlich bedient hat, lässt eigentlich erst die Welt entstehen, über die sie schreibt. Das halte ich schon für sehr problematisch.

Was bedeutet der Fall für die Zukunft der jungen Autorin? Wird sie je wieder ernst genommen?
Ja sicher. Auch ihr aktueller Text wird weiter ernst genommen werden. Der Umstand, dass man Fremdtexte benutzt, sagt nichts über die Qualität des Textes aus. Hegemann sollte aber damit aufhören, sich auf intertextuelle Schreibverfahren zu berufen – mit denen ihr Roman bis zum vergangenen Wochenende gar nichts zu tun hatte –, sondern einfach sagen: Das ist jetzt leider nun mal so. Zweifelsfrei: Wenn man einmal Plagiatsvorwürfen ausgesetzt war, bleibt immer etwas hängen, selbst wenn diese Vorwürfe unbegründet waren. Hegemann ist aber noch jung, ihr stehen trotz dieser Affäre noch alle Möglichkeiten offen.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 09.02.2010, 14:15 Uhr

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