Wer hat Angst vorm Nihilisten?

Von Christine Lötscher . Aktualisiert am 17.08.2010
Das Jugendbuch «Nichts» hat mit seiner Hauptfigur eine Kontroverse ausgelöst.

Pierre Anthon hat es heftig erwischt. «Nichts bedeutet irgendetwas, das weiss ich seit langem. Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun», verkündet die zentrale Figur im Jugendbuch «Nichts» der Dänin Janne Teller. Also setzt sich der junge Philosoph auf einen Zwetschgenbaum ab und schreit seine existenzialistischen Wahrheiten in die Welt: « . . . alles fängt nur an, um aufzuhören. In demselben Moment, in dem ihr geboren werdet, fangt ihr an zu sterben.» Das Leben ist nur Tun-als-ob.

Die Klassenkameraden fürchten sich vor Pierres Sprüchen, auch die Icherzählerin Agnes. Also versuchen sie ihn zu überzeugen, dass es doch Bedeutung gibt im Leben. Ein Spiel soll es beweisen: Reihum geben alle den Gegenstand ab, der ihnen am meisten bedeutet. Keiner kann kneifen, denn die anderen entscheiden, was abzugeben ist. Für Agnes geht es harmlos aus, sie wird nur ihre neuen Sandalen los. Doch bald eskaliert das Unternehmen: Ein Mädchen muss seine Unschuld abliefern, ein Junge seinen Zeigefinger. Natürlich geht das nur mit roher Gewalt. Als Pierre Anthon sich auch durch den Berg voller Opfergaben nicht von seiner Position abbringen lässt, drehen die Jugendlichen durch.

Aufmerksamkeit der Medien ist überwältigend

Seit zehn Jahren wird «Nichts» in Skandinavien kontrovers diskutiert. Im deutschsprachigen Raum ist der Roman gerade erschienen. Wie er in den Schulen ankommen wird, ist offen, doch die Aufmerksamkeit der Medien ist überwältigend – wenn man bedenkt, dass es ausser «Twilight» seit Jahren kein Jugendbuch mehr aus den Jugendbuchseiten heraus geschafft hat. Die Autorin staunt: «Dass ein Buch, das sexuell nicht besonders freizügig ist, keinen extremen Slang benutzt und weniger Brutalität enthält als jede Detektivgeschichte, in Westeuropa noch so vehement abgelehnt werden kann, ist schon interessant», sagt sie auf «Spiegel online».

Die Kritiker sind begeistert. In einem schnörkellos direkten, aber literarischen Ton geschrieben, geht es an die Substanz und in die Tiefe. Es ist mutig, gesellschaftskritisch und zwingt zum Nachdenken. Manchen Pädagogen dagegen geht das Buch gegen den Strich. Sie glauben, es fördere eine negative Einstellung zum Leben. Das Gegenteil ist der Fall, schliesslich ist es bei Janne Teller gerade nicht der Denker, sondern es sind die blind im Spiel gefangenen Schüler, die den Schaden anrichten. Die voraufklärerische Angst vor der zersetzenden Kraft des Denkens blitzt in pädagogischen Debatten eben immer wieder auf.

Angst vor der eigenen Leere

Einwände gibt es immer, wenn Jugendliche als Teil eines sozialen Experiments gezeigt werden und beweisen, dass sie keine unschuldigen Engel, sondern in der Gruppe zu entsetzlichen Dingen fähig sind. Teller geht noch weiter als William Golding in «Herr der Fliegen» und Morton Rhue in «Die Welle». Nicht nur der Gruppendruck bestimmt die Menschen, es ist auch die Angst vor der eigenen Leere und Bedeutungslosigkeit. Deshalb gehört «Nichts» zu den literarisch und philosophisch interessantesten Jugendbüchern der letzten Jahre.

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Schmaler Grat: Was als Spiel beginnt, kann rasch zur Eskalation führen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2010, 04:00 Uhr

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