Zahlreich und zuweilen emotional fielen die Kommentare im Leserforum von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zu Adolf Muschgs heute in der «Zeit» publiziertem Essay aus – wobei an dieser Stelle gestern nur Ausschnitte daraus zu lesen waren, die Kommentare deshalb auch grundsätzlich blieben. Sie drehten sich um die Frage: Ist Muschg ein Nestbeschmutzer oder hat er in der Sache recht und darf sich deswegen auch die Freiheit herausnehmen, die Schweiz – zumal in einer Deutschen Zeitung - anzugreifen? Sollten wir uns nicht freuen, haben wir überhaupt noch Nestbeschmutzer?
Das Spektrum der Kommentare war breit und reichte von den obligaten Klagen über die vom Staat unterstützten und dennoch notorisch kritischen Intellektuellen, bis zur euphorischen Bestätigung von Muschgs Thesen. Die Diskussion zeigte aber auch, dass das Ansehen und Selbstverständnis der Schweiz ein Thema ist, über die viele Leser sich Gedanken machen. So waren die Kommentare – ob für oder gegen Muschg formuliert - zuweilen genau so interessant zu lesen, wie der Essay selbst.
Schweizerische Selbstzerfleischung
Dessen These lässt sich grob zusammenfassen: Die Schweiz wird von der Geldwirtschaft instrumentalisiert (Fall UBS) und es fehlt an politischen Persönlichkeiten, die sich dagegen wehren. Aus demselben Mangel an politischem Biss serbelt auch das internationale Ansehen der Schweiz, die längst vergessen hat, worin ihre Stärken einst bestanden.
Typisch schweizerische Selbstzerfleischung sieht Kommentatorin Maria Halder in Muschgs Thesen: «Die Schweiz ist Nr. 1 in Sachen Innovation, hat weniger Arbeitslose und bessere Sozialleistungen als die meisten anderen Länder, besonders die EU. Sicher ist nicht alles perfekt und das Land hat im Moment ein Problem mit den Angriffen anderer. Vielleicht sollten Schweizer einfach aufhören sich selbst zu zerfleischen.»
Kommentator Peter Waldner bemängelt die allzu plakative Formulierung von Muschgs Thesen. Denn im Dauerschock befände sich das Land keineswegs.
«Und die Behauptung, der Krieg sei ohne eigenes Verdienst an der Schweiz vorbeigegangen, ist pure Ignoranz. Der Umkehrschluss wäre ja, dass er das Vaterland der «Zeit» auch so ganz ‹ohne eigenes Verdienst› nicht verschont habe. Nicht ernst zu nehmen.»
Und Margrit Kropf möchte wissen:
«Die Kritiken an der Schweiz sind sicher nicht aus der Luft gegriffen. Wieso kommen diese aber gerade zum jetzigen Zeitpunkt?»
Natürlich beschränkt sich die Diskussion nicht auf Muschgs Thesen, sondern richtete sich auch auf seine Person und seine Funktion als Intellektueller. Seine Thesen seien nicht neu, ausserdem fehlten konkrete Lösungsvorschläge, so der Hauptvorwurf der Kommentare, etwa in Peter Imhofs Wortlaut:
«Adolf Muschg - ein Auslaufmodell? Wer sich noch heute (65 Jahre nach Kriegsende) auf den Krieg bezieht arbeitet mit Cliché. Sind wir wegen des Krieges reich? Oder haben wir vielleicht eine bessere Finanzpolitik? Tiefere Steuern - aber wir verschrotten unsere Autos auch nicht mit 5 Mia Euros Steuergeldern. Ist das ein Vorbild? Sollen wir unser Truppen auch nach Afghanistan senden? Ist das modern?»
Roland Fankhauser bemängelt zudem, dass Muschg seine Kritik ausgerechnet in einer deutschen Zeitung formuliert: «Als hätten wir nicht schon genug Probleme im Ausland, giesst Herr Muschg nun auch noch Öl ins Feuer. Würde er sich im Inland äussern, könnte man sich zumindest wehren oder öffentlich darüber diskutieren und nach Lösungen suchen.»
Aber auch der Humor, auch nicht gerade eine Schweizer Paradedisziplin, kommt in den Kommentaren zum Glück nicht zu kurz. So formuliert etwa T Kunz:
«Alles was einmal Frisch war, wird irgendwann einmal Muschg».
Die Interpretation sei ihnen überlassen.
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(mcb)