«Die Feier des Eros zwischen Lehrer und Schüler gehörte dazu»

Von Alexandra Kedves . Aktualisiert am 18.03.2010
Der Frankfurter Pädagoge Micha Brumlik zu den Attacken auf Reformschulen. Adolf Muschgs Verteidigung angeschuldigter Pädagogen findet er «hanebüchen».
Einst ein Vorbild, heute unter Beschuss: Gerold Beckers Odenwaldschule im hessischen Ober-Hambach. Bild: KEYSTONE/AP

Herr Brumlik, in Ihrem letzten Buch fragten Sie: «Wie gefährlich ist unsere Jugend?». Zurzeit scheint man eher fragen zu müssen: Wie gefährdet ist sie – durch unsere Lehrer?
Das fragen die Medien hierzulande im Augenblick. Ich frage zurück: Warum jetzt? Die katholische Kirche der USA entschied sich schon 2002, nach grossen Missbrauchsskandalen, für eine «Zero tolerance»-Politik und zahlte hohe Entschädigungsgelder. Auch in Europa wurden schon früher Missbrauchsfälle bekannt; und gegen Gerold Becker wurden 1999 die ersten Vorwürfe laut – und verhallten. Wieso ein Jahrzehnt Latenzzeit? Ich glaube, die Gesellschaft hat sich verändert: Einerseits ist die Sensibilität für Missbrauch gestiegen. Andererseits, denke ich, ist die Solidarität mit reformpädagogischen Leitfiguren gesunken. Zudem haben einige Fraktionen des Bildungsbürgertums einfach aufgrund von Alterungsprozessen in den Medien keine gleichgesinnten Unterstützer mehr.

Sie führen also die Missbrauchsproblematik auch auf linke Ideologien zurück?
Auf keinen Fall ausschliesslich. Wenn ein Bischof Mixa die sexuellen Übergriffe durch Priester auf die sexuelle Revolution zurückführt, ist das blanker Unsinn. Allerdings muss man klar unterscheiden: Katholische Kirche und reformpädagogische Bestrebungen sind nicht dasselbe. Gerade in der deutschen Reformpädagogik etwa eines Gerold Becker gehört die Feier des Eros, und sei es zwischen Lehrer und Schüler, dazu. Da wurde die sexuelle Libertinage im Beiboot der Befreiung geradezu erzwungen und den Schülern als Ideal vorgehalten. Und das ist schlimm. Mir scheint, aber das kann ich nur vermuten, dass dies zum Beispiel bei Steinerschulen nicht der Fall ist, weil sie die «Göttlichkeit der kindlichen Entwicklung» hochhalten: Reformpädagogik ist nicht gleich Reformpädagogik.

Und in der katholischen Kirche?
Sie schafft sich mit dem Zölibat selber ein Problem. Nicht einmal unbedingt wegen des Gebots der Keuschheit, sondern weil zölibatäre Gemeinschaften verstärkt Menschen anziehen, denen es nicht gelungen ist, ihre ganz eigene Sexualität in ihre Persönlichkeit zu integrieren. In einem Internat bricht das latente, nicht gelöste sexuelle Problem dann auf, und es kommt häufiger zu sexuellen Übergriffen oder – in projektiver Abwehr – zu Aggression, zu Druck und Gewalt.

Adolf Muschg verteidigt den beschuldigten Gerold Becker. Nähe sei ein Lebensmittel und Erotik immer Grenzüberschreitung.
Hanebüchen – und traurig. Wer heute die nachwirkende, quälende Traumatisierung von Missbrauchsopfern zur Kenntnis nimmt, sieht, wie lange und wie schwer sie noch an solchen Erlebnissen zu tragen haben. Becker dagegen hat ja noch ein Jahrzehnt nach den ersten Vorwürfen quasi unbehelligt gelebt, wurde in seinen professionellen Bezügen geschätzt und hat sich bis heute – er ist schwer krank – nicht geäussert. Dass sich Muschg in diesem Zusammenhang auch noch auf Sokrates beruft, ist absurd. Selbst wenn es so gewesen sein sollte, dass der Philosoph vor fast zweieinhalbtausend Jahren ohne negative Folgen für sich und andere der «Knabenliebe» frönte – was wir nicht wissen –, so lässt sich das nicht auf die Gegenwart beziehen. Das ist unhistorisch. Im Fall von Pädophilie spricht die Psychiatrie heute von «sexueller Präferenzstörung» – und diese gefährdet Kinder. Die katholische Kirche der USA stellte fest, dass die Missbrauchsfälle vor allem Knaben betrafen, und über die Hälfte davon waren zwischen 11 und 14 Jahre alt. Bis 12 oder 13 Jahre ist ein Kind bei einem solchen Übergriff völlig hilflos; und auch bei einem Jugendlichen bleibt die Asymmetrie bestehen.

Nähe und eine gewisse Form von «Liebe» zwischen Lehrer und Schüler gilt aber tatsächlich als lernmotivierend.
Richtig. Und sie fehlt in den öffentlichen Schulen oft, wo im 45-Minuten-Takt die Lehrer die Klasse wechseln. Es ist auch kein Wunder, dass es im Jahr 2009 in Deutschland die höchste Zahl an Privatschul-Anmeldungen gab, auch unter sogenannt linken Eltern. Aber immerhin kann man an einer Regelschule mit «Unterrichtsbeamten» einen systematischen Missbrauch so gut wie ausschliessen; dort werden eher, im Einzelfall, pubertierende Jugendliche zur Anfechtung für Lehrpersonen. Aber erst in der Enge des Zusammenlebens von Internaten – indem der Lehrer als persönlicher Betreuer oder gar als väterlicher Freund auftritt – können sich ganze Missbrauchssysteme entwickeln. Wir dürfen nicht vergessen, dass Kindesmissbrauch immer noch am häufigsten innerhalb der Familien geschieht, und in einem Internat werden familienähnliche Strukturen aufgebaut.

Was ist zu tun?
Internate sollten künftig vor allem Lehrerehepaare einstellen. Man sollte die Verjährungsfrist sexueller Übergriffe aufheben. Sogar dann, wenn die Ermittlungen nach mehreren Jahrzehnten immer schwieriger werden – auch als Abschreckung. Ob man einen ubiquitären «Unbedenklichkeitscheck» wie in England einführen kann, weiss ich nicht. Aber man wird und soll in Zukunft genauer hinschauen, wen man einstellt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.03.2010, 10:11 Uhr

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