«Als ich jung war, wurde die Befreiung der Sexualität als Durchbruch einer neuen Kultur gefeiert»: Adolf Muschg. Bild: KEYSTONE/AP
Wie kommen Sie dazu, einen des Kindsmissbrauchs Beschuldigten dermassen heftig zu verteidigen?
Ich bagatellisiere Gewalt und Missbrauch in keiner Form - genau darum habe ich etwas gegen Hexenjagden wie diese jetzt. Man kann auch aus Korrektheit Gewalt üben, bis in die Sprache hinein. Ich bin inzwischen alt genug, um erfahren zu haben, welcher Umschläge der Zeitgeist fähig ist, und empfinde es als meine Pflicht, daran zu erinnern, wenn man einen Menschen heute schindet und pfählt, über den man gestern noch Hosianna gerufen hat. Gerold Becker hat das eine so wenig verdient wie das andere. Er wird nicht angeklagt, er wird besudelt, und wer sich da aufs Zuschauen beschränkt, macht sich mitschuldig.
Sie kennen den angeschuldigten Gerold Becker?
Gerold Becker kenne ich seit einigen Jahren, mit Hartmut von Hentig bin ich schon vier Jahrzehnte befreundet. Aber ich betrachte meinen Text nicht als Freundschaftsdienst.
Ist Ihr Engagement in dieser Sache nicht ein Affront gegenüber all jenen ehemaligen Schülern der Odenwaldschule, die sich jetzt melden und sagen, sie trügen noch immer ein Trauma mit sich?
Ja, dazu werden sie jetzt von allem Medien eingeladen. Ich habe gerade die Odenwaldschule für einen Ort gehalten, an dem man mit Traumata anders umgehen lernt - und dafür auch Respekt und Aufmerksamkeit findet. Für die überwiegende Mehrzahl der Schüler trifft das auch zu: Sie haben diese Schule als Glücksfall erlebt und verdanken ihr viel. Dass man, wo so viel Licht ist, auch viel Schatten findet, überrascht mich nicht - davon wird das Bild der Schule nicht schwarz-weiss. Als ich vierzig war, wurde eine befreite Sexualität als Durchbruch zu einer neuen Kultur gefeiert - es war die Zeit der Utopien, und sie haben vor der Beziehung zwischen den Generationen nicht Halt gemacht, so wenig wie denjenigen der Geschlechter. Der Glaube an ein neues Paradies war naiv und sogar missbräuchlich, wenn Sie die Zwei- und Vieldeutigkeit des Erotischen betrachten - aber ebenso missbräuchlich ist es, das Paradies heute als Hölle zu qualifizieren und die Gläubigen von gestern als Kinderschänder zu behandeln.
Man soll das einfach akzeptieren?
Wie über solche Themen geurteilt wird, ändert sich ziemlich schnell. In den Sechzigerjahren wurde die homosexuelle Praxis in Deutschland immer noch kriminalisiert, es gab viele «Sittenflüchtlinge» in der Schweiz. Heute haben die beiden grössten Stadtstaaten Deutschlands schwule Regierungschefs und das Land einen schwulen Aussenminister.
Aber Homosexualität und Kindsmissbrauch sind doch ganz unterschiedliche Themen. Schliesslich fügt man Kindern Schaden zu.
Der grösste Schaden entsteht in beiden Fällen durch seine Behandlung durch Kultur und Gesellschaft. Natürlich ist Nähe immer ein heikles und kostbares Gut; man kann sich dabei schwer vergreifen. Muss man sie darum ganz lassen? Andere Kulturen haben über den Komplex, der uns jetzt beschäftigt, anders gedacht und sie anders behandelt, nicht nur die alt-griechische, auch viele andere, bei denen das Meister-Schüler-Verhältnis zentral ist. Wir haben es viel mehr mit einer kulturellen als mit einer moralischen Frage zu tun.
Das ist keine moralische Frage?
Zurzeit fegt eine Welle der Empörung über die katholischen Bildungsinstitutionen. Man findet die dort herrschende Doppelmoral unerträglich. Wenn man jetzt aus Symmetriegründen auch noch die reformpädagogischen Anstalten, die genau diese Doppelmoral bekämpft haben, über den gleichen Leisten schlägt, wird mir unwohl. Die Stimmen ehemaliger Schüler aus den reformpädagogischen Anstalten sind längst nicht so ungeteilt, wie in den Hetzkampagnen der Anschein entsteht. Dass diese Sache auch eine dunkle Kehrseite hat, das bin ich nicht bereit einem Individuum anzulasten, wenn schon der «condition humaine», der menschlichen Grundverfassung.
Will das heissen, der Mensch ist einfach so?
Erotik ist nie eindeutig und nie ohne Peinlichkeit. Deshalb habe ich den Goethe zitiert: «Es bleibt ein Erdenrest / Zu tragen peinlich.» Sexualität geht nie auf, ist ein vom System gewollter Fehler, in den wir alle laufen; offenbar, weil er der Evolution dient. Dieser Fehler lässt sich nicht einfach kriminalisieren. Wir müssen uns bewusst sein: Wir haben es beim Menschen mit einem äusserst flexiblen Wesen zu tun. Was noch vor einem Jahrhundert total verboten war, ist plötzlich nicht nur erlaubt, sondern gilt sogar als chic. Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber solche Paradigmenwechsel habe ich in meinem Leben schon etwa drei Mal erlebt.
Heute erlebt man vor allem, dass man sich als Mann bereits verdächtig macht, wenn man ein Kind nur schon auf den Schoss nimmt.
Genau. In Zeiten der Reformpädagogik galt es als fortschrittlich, dass man als Vater mit dem Kind in der Badewanne badete. Ich habe als Kind meine Eltern nie nackt gesehen. Es wäre aber Unsinn, wenn ich diese gehemmte Erziehung für alle Übel meines Charakters verantwortlich machen würde. Genauso Unfug ist das Gegenteil, wenn die Zärtlichkeit zwischen Generationen jetzt für alles Unheil der Welt verantwortlich gemacht wird. Bei diesem Schwachsinn muss man Gegensteuer geben.
Wie kann man zwischen Missbrauch und sagen wir mal angemessener Zärtlichkeit trennen?
Man kann nicht. Unter Erwachsenen gilt die klare Klausel der gegenseitigen Einvernehmlichkeit. Aber wie eindeutig ist diese Klausel? In Gedichten - bis zum Schlager hinunter - aber auch in der täglichen Lebenswahrheit gibt es die Botschaft: «Don't take no for an answer.» Wenn eine Frau sich entzieht, so ist das sicher keine Einladung zur Gewalt - aber ist es ein Verbot zur Werbung? Es kommt darauf an, nicht wahr? Warum soll diese Differenzierung nicht in jedem Fall gelten? Die Übergänge vom Unerlaubten zum Möglichen sind zu delikat und zu subtil, als dass man sie dem Rechenschieber der Pedanten und Moralisten überlassen darf. Und die führen heute das grosse Wort.
Wie konnte es so weit kommen?
Es ist ein medial aufgebauschtes Phänomen. Ich bin der Allerletzte, der Unzucht mit Kindern appetitlich oder sympathisch findet. Und ich glaube auch, dass Übergriffe an Kindern traumatische Folgen haben können. Was aber nicht geht, ist einfach zu sagen, dass das in vielen Kulturen und Epochen zwar normal war, bei uns aber unnatürlich und kriminell. Ein Minimum an Fantasie, an Lektüre des Mitmenschen, übrigens auch der Weltliteratur, muss einen davor warnen, mit dem Hackebeil zu moralisieren. Im Fall Beckers und Von Hentings kann ich nur sagen, dass ich sie als Menschen von ungewöhnlicher Integrität kennengelernt habe.
Sie sprechen bei der Berichterstattung im Fall Becker gar von «Terror».
Ich empfinde die Vulgarität der Demontage von Leuten, denen man geistig nicht das Wasser nicht reichen kann, als nur zu begreiflich - davon wird sie nicht weniger abscheulich.
Sie schreiben, die «Null-Toleranz» sei die «Machtergreifung der Fantasielosigkeit». Können Sie das erläutern?
Kürzlich war ich in Shakespeares «Was ihr wollt» - hier sieht man, was dem Menschen möglich ist, im Besten wie im Gemeinsten - und dass man sich sehr wenig auf seine Grundsätze verlassen kann, fast so wenig wie auf seine Triebe. Diese Erfahrung mache ich im alltäglichen Theater des Lebens. Sie stimmt mich vorsichtig gegen mein eigenes Bedürfnis zum Vorurteil - und ungeduldig gegen solche, die das Vorurteil bis zum Menschenopfer treiben. Die Welt funktioniert nicht nach dem Muster des Silikonkristalls; Null oder Eins. Darum beneide ich Leute nicht, die nur in den Kategorien von Gut und Böse denken können. Und es gibt Fälle, wo man sich gegen sie wehren muss. Sie machen die Welt einfältiger, als sie sein muss, und langweiliger, als sie ist.
Sie schreiben auch, die Öffentlichkeit habe keine Lust, Fehltritte gegen Verdienste abzuwägen. Verdienste können doch keine groben Fehltritte entschuldigen!
Bitte sehen Sie doch auch den nächsten Satz an*. Abwägen, er war ein netter Kerl aber ein Mörder, führt tatsächlich nicht weiter. Aber dass das Eine die Kehrseite des Andern ist. Thomas Mann sagte einmal über die Deutschen während des Nationalsozialismus: «Es ist nicht so, dass in den Deutschen das Schlimmste zum Vorschein gekommen ist, sondern dass sich das Beste der Deutschen ins Schlimmste verkehrt hat.» Diesen Satz durchzudenken ist natürlich niemandem zumutbar, der ein Leben lang in Schwarz/Weiss-Kategorien gedacht hat.
* Vollständig heisst es in jener Passage: «Die Öffentlichkeit hat keine Lust, Fehltritte gegen Verdienste abzuwägen, und noch weniger kann sie sich vorstellen, dass Fehler und Verdienste zwei Aspekte derselben Sache sein könnten – einer zu wichtigen Sache, als dass man sie dem Schnellgericht überlassen könnte. Dass Verstehen in diesem Fall wichtiger sein könnte als Urteilen, kommt als Prinzipienlosigkeit hinüber – dabei wäre es nur der Anfang des Lernens. Aber es hat keine Stimme in der Öffentlichkeit des Hexengerichts.»
( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )