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Bundesrat Moritz Leuenberger bewies Sinn für Symbolik: Genau einen Tag bevor am Samstag DRS 3 und sieben Lokalradios (darunter Radio 24) ihren 25. Geburtstag feiern können, gab er bekannt, welche privaten Sender eine Konzession für die nächsten zehn Jahre erhalten. Und wie damals herrscht Freude und Aufregung, zumindest bei den Betreibern.
Am 1. November 1983 waren auch viele Hörerinnen und Hörer aufgeregt. Vor allem junge. Ab Punkt Mitternacht durften sie endlich ihre Musik am Radio hören, von heimischen Sendern und erst noch legal. 1976 waren die UKW-Frequenzen zwischen 100 und 104 Megahertz zur Radionutzung freigegeben worden. Rasch fingen Bastler, Popfreaks und Politaktivisten zu senden an, ohne Konzession, was die PTT mit Peilwagen und nächtlichen Aktionen immer neu zu verhindern suchten. Doch ernst wurde es erst, als Edelpirat Roger Schawinski den Äther enterte.
Mit einem Sender auf dem grenznahen Pizzo Groppero beschallte er Zürich mit seinem Radio 24 – zum Ärger der helvetischen Bundesbehörden, die regelmässig italienische Polizisten dazu zu bewegen suchten, Radio 24 abzustellen. Der beliebte Schawinski und als Bad Guy der zuständige Bundesbeamte Armin Walpen, heute SRG-Generaldirektor, lieferten sich ein Katz-und-Maus-Spiel. Schawinski blieb Sieger. Nicht nur, weil Tausende auf dem Zürcher Bürkliplatz für Radio 24 demonstrierten und «Roschee» schrien. Auch die bürgerlichen Parteien hatten nun den Braten gerochen: Private Radios sollten der angeblich links unterwanderten SRG Konkurrenz machen. Die Zulassung von Lokalsendern wurde für den Bundesrat unvermeidlich.
Das schreckte die SRG auf. Schon 1978 hatte Radio DRS begonnen, Lokaljournale auszustrahlen. Nun aber musste dringend musikalisch etwas für die Jugend getan werden, die den SRG-Radioprogrammen zu ausländischen Sendern davonlief. Das Resultat war und ist DRS 3, das als «amtlich bewilligter Störsender» (Eigenwerbung) auf Anhieb Erfolg hatte.
Mit der Liveübertragung eines Polo-Hofer-Konzerts startete DRS 3 am 1. November 1983. Im ersten Jahr kam der neue Sender auf einen Marktanteil von 14 Prozent – mehr als SRG-Skeptiker erwartet hatten. Doch in den 90er-Jahren ging es bergab, bis auf 8 Prozent hinunter. Öffentliche Debatten drehten sich um das Dilemma zwischen Profil und Quote. Sollte DRS 3 bloss «staatlich geförderter Dudelfunk» («Basler Zeitung») sein oder sich auch musikalisch abheben vom «Einheitsbrei» («Luzerner Zeitung») der Lokalradios?
Heute ist der Marktanteil von DRS 3 mit 16 Prozent wieder fast so hoch wie vor 20 Jahren. Und auch im Programm ist trotz Faceliftings nicht wenig beim Alten geblieben. Doch jetzt steht eine neue Herausforderung an: Das Internetradio lockt die junge Hörerschaft.
Radio Luxembourg: Störsender der Sixties

«Radio Lucky Luxembourg on Two-O-Eight»: Das akustische Signet hat sich ins Hirn eingebrannt. Fast zwei Jahrzehnte lang hörte ich den Sender regelmässig, manche Nacht lang. 208 stand für die Frequenz, die englische Messung für unsere 1440 kHz. Ein Mittelwellensender also – der Empfang war unterschiedlich, er schwankte je nach Wetterlage, Rauschen und Piepsen waren Teil des Hörbildes. Die Störungen passten zur Musik, zur Low-Fi-Mischung der damaligen 45er-Vinylplatten, zu «The Last Time» und «I Got You Babe». Sie vermittelten irgendwie den Klang einer weiten, verwischten Welt.
«Entdeckt» habe ich den Sender 1965 auf der Suche nach mehr aktuellen anglo-amerikanischen Sounds am Radio: Die einzigen Alternativen waren das tägliche, einstündige «Gut aufgelegt!» aus Österreich (auf Telefonrundspruch) und das wöchentliche «Sali mitenand» auf Radio Beromünster (ab 1965). Das englischsprachige Radio Luxembourg, das schon 1933 gestartet war, wurde nur nachts ausgestrahlt, dafür praktisch die ganze Nacht hindurch. Im Zentrum des Programms stand die aktuelle, hitparadenorientierte Popmusik. Weil die Charts jener Epoche aber von jugendlichen, «neuen» Klängen durchdrungen waren, hörte sich Radio Luxembourg avantgardistisch an. Im Frühling 1967 – zu meiner Internatszeit – schnappte ich, den Transistor verbotenerweise unter dem Kissen, Pink Floyds erste Single «Arnold Layne» auf sowie einige weitere psychedelische Bands, die heute als obskur gelten. In den mittleren 70er-Jahren dominierten dann Westküstenrock, Soul und Disco; dem Punk konnte Luxembourg nicht viel abgewinnen.
Mit dem Aufkommen der einheimischen FM-Sender verlor ich das Interesse an der alten Störfrequenz, und Anfang der 90er-Jahre konnte man eine kleine Zeitungsnotiz über die Abschaltung von 208 lesen. Seit 2005 sendet ein neues Radio Luxembourg auf dem Internet ein ganztägiges Classic-Rock-Programm, ein Radio für Erwachsene also – für jene Generation, die in den Swinging Sixties mit der rauschenden Welle von Two-O-Eight und den überdrehten DJ-Stimmen von Tony Brandon und Paul Burnett in die Popmusik eingeführt wurde.
Benedetto Vigne
DRS 3: Nicht mehr radikal

1983 wirkte DRS 3 wie eine frische Brise – nicht zuletzt dank der Unerfahrenheit der Macher, die persönliches und mediales Neuland betraten. Etwas holperig waren zwar die Moderationen, gar bizarr wirkte das Musikprofil. Auch kamen die Wortbeiträge überengagiert daher; trotzdem genoss man die Wundertütenqualitäten des neuen Senders. Heute ist das anders: Wer die Dauereuphorie und Selbstbeweihräucherung nicht erträgt, sollte den Empfänger gar nicht erst einschalten. Vor allem beim Tagesprogramm nicht, wo DRS 3 gegen vergleichbare Privatsender um die Gunst der Hörer buhlen muss.
Anders ist es beim Abendprogramm, dort also, wo DRS 3 seinem Kulturauftrag gerecht werden will. Bis heute stellt man den Sender regelmässig ein, um sich in den Spezialsendungen über Neuerscheinungen aus Sparten wie Americana, Black Music und Ethno zu informieren oder um bei «Sounds» Platten zu hören, die sonst nirgendwo gespielt werden. Das behaupten jedenfalls die Moderatoren, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Neue Jugend- und Alternativsender wie Radio 3fach in Luzern oder Radio X in Basel haben ein weitaus radikaleres und breiteres Profil als «Sounds»: Das Schaufenster für Independent-Musik hat heute grosse Konkurrenz.
Dazu kommt, dass die Redaktoren ihre Hörerschaft auf gar keinen Fall überfordern möchten: Viel mehr als annotierte Musiklisten kriegt man in den Spezialsendungen selten zu hören, auch fehlt den Moderationen die kritische Distanz zum Sujet. Schade, dass man dem Publikum nicht mehr Informationsfülle und Meinungsvielfalt zumuten will. Mit dem servicejournalistischen Ansatz verspielt DRS 3 die Chance, wenigstens nach 20 Uhr so etwas wie der Rolls-Royce unter den Musiksendern zu sein. Stattdessen fühlt sich das Abendprogramm so reibungslos effizient an wie eine Spritztour im VW Golf.
Nick Joyce
Radio LoRa: Du bist das Radio

Den Widerstand in den Äther tragen? Ein ziemlich schwieriges Unterfangen. Die Absicht dahinter ist natürlich schwer in Ordnung, aber bei der Ausführung hapert es zum Teil gewaltig. Diesen Sachverhalt musste schon so mancher Radio-LoRa-Hörer an den eigenen Ohren erfahren. Stotternde Moderatoren, die langatmig formulierte Pamphlete verlesen, technisch bedingte Schweigeminuten und eine mitunter haarsträubende Musikauswahl – damit war (und ist mitunter noch immer) konfrontiert, wer auf seinem Empfangsgerät die Frequenz 97,5 Mhz einstellte. Und diese singulären Erfahrungen haben auch den Gesamteindruck geprägt, den man von Radio LoRa hat: gut gemeint, aber schlecht gemacht.
Als ich Mitte der 90er-Jahre meinen Lebensmittelpunkt ins LoRa-Empfangsgebiet verlegte und erstmals einschaltete, waren mir solche Vorurteile egal. Zu jener Zeit war das Internet noch keine verlässliche Unterhaltungs- und Informationsquelle, und das Privatradio mit seinen vorsätzlich übermotivierten Moderationen war auch keine ernst zu nehmende Option.
Die Alternativstation hingegen bot kunterbunte Beiträge in allen möglichen Sprachen, abenteuerliche 1.-Mai-Nachdemo-Berichterstattung und immer mal wieder grandios abgedrehte Sendungen, die mich und mein bebendes Zwerchfell ans Radiogerät fesselten: Freistil-Formate wie die feingeistige Haudrauf-Satiresendung «Jüdisch-griechisch Radio», bei der die beiden Moderatoren Nonsens-Dialoge und epische Mini-Hörspiele durch den Äther schickten, oder die «Frog Show», in deren Rahmen sich freestylende Hiphopper die Reime – manchmal auch übers Telefon – um die Ohren schmetterten. Sie hatten mich von Beginn weg. Ganz zu schweigen von den in sporadischen Abständen gestarteten Spezialsendungen, die mitunter keinen Monat überlebten. Dort konnte man mitten in der Nacht anrufen und von seinem Lieblings-Gatorade-Geschmack berichten («Blau!») oder einfach nur Schwachsinn erzählen. Das darf man mittlerweile auch in den öffentlich-rechtlichen Stationen. Aber das ist eine andere Geschichte, die man dann später einmal erzählen wird.
Philippe Amrein
last.fm: Liebe deine Lieder

Das letzte Mal hat mich das öffentliche Radio vor 25 Jahren begeistert. Ich war drei Jahre alt und hatte ein Lieblingslied: «We Fade to Grey» von Visage. Immer wartete ich auf meinen Song und dabei entdeckte ich Musik, die mir gefiel. Auch die Moderatoren fand ich gut, besonders ihre Überraschungsanrufe. Ich kopierte das Konzept und begann, wildfremde Leute anzurufen. Das Ganze zeichnete ich auf Kassette auf und machte selber Radio.
Mein Interesse an der Musik wuchs, und ich hörte gezielter. Doch mit dem ausgeprägteren Geschmack begannen die Probleme mit dem Radio. Es bot wenig Neues, dafür musste man den Brei aus Charts und Tophits aller Jahrzehnte ertragen. Die Informationsfunktion war verloren. Ich wechselte ins Fernsehen, zu MTV und Viva 2, dann stellte ich ganz ab. 1999 arbeitete ich häufig als DJ und versuchte, selber Sendungen zu produzieren. Nach drei Airplays gab ich auf. Die Einsamkeit im Studio war ernüchternd. Ob sich jemand für mein Programm interessierte, bekam ich nicht mit. Mein Interesse für Musik aber blieb.
Vor drei Jahren dann bemerkte ein Bekannter mein stetes Suchen nach neuer Musik und zeigte mir last.fm: eine Webseite, auf der man Interpreten in ein Feld eingeben kann, und dann spielt die Seite ähnliche Musik. Die Titel werden angezeigt. Zudem kann man sich einen Account einrichten, der speichert und anzeigt, was man auf dem Computer hört. Nach und nach entstehen persönliche Hitparaden. Abhängig von der Ähnlichkeit des Musikkonsums, werden einem «Nachbarn» zugeordnet, deren Seiten man dann anklicken kann, um sich über neue Musik zu informieren. Und wenn mir ein Lied besonders gut gefällt, kann ich es «lieben» und in eine Playlist aufnehmen.
So entsteht eine eigene Radiostation, auf die sogar manche meiner realen Freunde und virtuellen Nachbarn zugreifen. Die Hörer von last.fm hören einander zu und lernen dabei. Anders als beim konventionellen Radio fliessen Informationen in beide Richtungen. Wenn ich also gute Musik hören will, schalte ich last.fm ein. Auf Moderation kann ich verzichten. Auf DRS 3 auch. Und damit mir keine Gebührenjäger ins Haus kommen, habe ich mein Radiogerät entsorgt.
Hannes Grassegger
(Tages-Anzeiger)