Als er noch Feministinnen und Alte beleidigte

Von Thomas Schifferle . Aktualisiert am 10.08.2009
Am Mittwoch debütiert Sascha Ruefer als «Nachfolger von Beni Thurnheer». Bis dahin war es ein langer Weg.
topelement In Siegerpose: Moderator Sascha Ruefer im Sportstudio des Schweizer Fernsehen in Zürich. Bild: People-Press.ch Mehr Bilder (5)

Er war 12, als er fürs «Bieler Tagblatt» seinen ersten Matchbericht verfasste. Gut, gerade episch fiel das Werk über das Cupspiel seines FC Lengnau gegen Aesch nicht aus, es umfasste ganze zwölf Zeilen. Und daheim half ihm der Vater, als er die Schreibmaschine im Adlersystem bearbeitete. Sein Honorar betrug 20 Franken. Der kleine Sascha «schimpfte» sich fortan Journalist und bastelte sich einen Presseausweis.

37 ist Sascha Ruefer heute. Er hat es in seinem Leben als Journalist schön weit gebracht. Er kommentiert künftig die Spiele der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft - als Nachfolger von Bernard Thurnheer, der sich langsam zurückziehen will. «Nachfolger von Bernard Thurnheer», sagt er, «das höre ich nicht gern, ich darf mich mit ihm nicht vergleichen. Ich bringe nicht mit, was er kann.» Thurnheer war ein Unikum, «der ‹Schnurri› der Nation». Ruefer gibt sich demütig: «Ich bin einfach der Kommentator der Schweizer Nationalmannschaft.»

Feministinnen verhöhnt

Es war ein langer Weg für Ruefer, bis er vor wenigen Tagen auf den prestigeträchtigen Stuhl befördert wurde. Nach dem Gymnasium hatte er bei Radio DRS angefangen. Am Frauen-Streiktag sagte er: «Hören wir rein.» Und spielte Hühnergegacker ein. Im August 1997 stellte ihn dann SF DRS als Journalist und Kommentator ein. Schon im folgenden Sommer durfte er zur WM nach Frankreich. Er berichtete unter anderem vom Spiel Italien gegen Chile. Eigentlich wollte er sagen: Die älteren Zuschauer würden sich sicher an 1962 erinnern, als sich die beiden Mannschaften an der WM einen wüsten Kampf lieferten. Aber die Formulierung war ihm zu lahm. Also sagte er: «Die Corega-Tabs-Fraktion unter Ihnen...»

Das war typisch für den frühen und vorlauten Ruefer. Auf der Suche nach einem eigenen Stil wollte er originell und witzig sein. Er war «abgehoben», sagt er. Das Bild von ihm war schnell gemacht, es war nicht freundlich: Er war «Laferi» und nicht Kommentator. Das sagt niemand anders als Ruefer selbst.

Nach der EM 2000 wurde er von SF DRS wegen mangelnder Leistung entlassen. Ein paar Tage später bekam er eine neue Chance, allerdings mit einem auf 50 Prozent zurückgestuften Pensum. Er kämpfte sich zurück, durfte vom Champions-League-Spiel des FC Basel in Turin gegen Juventus berichten und nervte mit Sätzen wie: «Auch wenn es Sie zu Hause nicht interessiert, aber es ist kälter geworden.»

Volksmusik-Moderator

Heute, da er zum Ausgleich Sendungen wie «Grand Prix der Volksmusik» und «Schlagersommer» moderiert und Costa Cordalis' Schnulze «Anita» vor Livekameras singt, heute also kann er über alte Sünden lachen. Er gibt sich bewusst geläutert, weil er genau weiss, dass die Nationalmannschaft ein Sportpolitikum ist. Er wird beim Kommentieren weiterhin stehen, aber er wird bei einem Tor nicht mit hoch erhobenen Armen jubeln, wie ihm das bei Spielen seines Leib-und-Magen-Vereins Bayern München schon passiert ist. Fan des Nationalteams dürfe er nicht sein, sagt er, eine Spur Patriotismus wolle er sich gleichwohl gestatten.

Als er im Februar zum vierten Mal probehalber bei einem Länderspiel der Schweiz am Mikrofon sass, damals gegen Bulgarien, deutete er an, wie er sich das Kommentieren vorstellt: dass weniger manchmal mehr ist und er nicht permanent plaudern muss. Und wenn er es am Mittwoch, wenn die Schweiz in Basel gegen Italien spielt, nicht so macht, wie er sich das vornimmt, dann werden die Zuschauer ihn sich schnell vorknöpfen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2009, 08:46 Uhr

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