Ein wahrhaft elektrisierendes Show-Format. Der französische TV-Sender France 2 hat gestern eine Dokumentation über die fiktive Spielshow «Das Todesspiel» gezeigt. Darin bestrafen Teilnehmer ihre Gegenkandidaten mit Stromstössen, wenn diese falsche Antworten geben. Was die Show-Kandidaten nicht wussten: Die Opfer sind Schauspieler, die Stromstösse nicht echt und sie selber Teil eines Experiments. Über zwei Drittel der insgesamt 80 Testpersonen aus verschiedensten Milieus waren bereit, dem Gegenkandidaten zu foltern. Die anwesenden Zuschauer griffen nicht ein.
Seinen Ursprung hat die Sendung in einem ähnlichen Experiment aus den Sechzigern: An der Yale-Universität hatte der US-Psychologe Stanley Milgram männliche Testpersonen auf Autoritätshörigkeit und Gewaltbereitschaft getestet. Seine These: Ganz «banale» Menschen können anderen erhebliches Leid zufügen, es bedarf dazu keiner sadistischen Persönlichkeitszüge. Unter dem Vorwand, sie nähmen an einer Untersuchung zur Wirkung von Strafe auf das Lernvermögen teil, forderte ein Versuchsleiter seine männlichen Probanden auf, einem «Schüler» mit Elektroschocks wachsender Intensität beim Lernen von Wortlisten auf die Sprünge zu helfen. Auch damals bestraften zwei Drittel der Teilnehmer die Probanden. Selbst als diese schrien und verstummten.
Neuauflage des Milgram-Experiments
Bei allen der unter anderem in Australien, Jordanien, Österreich und Deutschland durchgeführten Rekonstruktionen war der gleiche Grad an «destruktivem Gehorsam» zu verzeichnen. Bei Frauen wie bei Männern. Aus ethischen Gründen wurde das Experiment dann während langer Zeit nicht mehr durchgeführt. Manche Fachleute mutmassten aber, die Menschen seien heute – etwa im Gefolge der antiautoritären 68er Bewegung – hellhöriger für die Gefahren blinden Gehorsams und würden sich daher eher widersetzen. Eine Neuauflage des Experiments hatte diese Vermutung jedoch vor zwei Jahren widerlegt.
Neben der ursprünglichen Versuchsanordnung wurde Milgrams Experiment auch immer wieder in Form von Theaterstücken, Romanen und Filmen wiederholt. Zuletzt machte ein gewisser Jason Mitchell von sich reden, als er sich vor laufender Webcam ein elektronisches Hundehalsband um den Nacken schnallte – und die Netzgemeinde dazu aufforderte, ihn zu foltern oder das Experiment zu verhindern. Die Pro-Folter-Stimmen überwogen.
Die Ära des verfügbaren Gehirns
Milgram selbst gab sich nach seinem Experiment zutiefst pessimistisch. «Ob ein bösartiges Regime in den USA ein Nazi-ähnliches System aufbauen könnte? Ich fange an zu glauben, dass sich die dafür nötigen Leute allein schon in einer einzigen Stadt rekrutieren liessen.»
Ob der Mensch von Natur aus autoritätsgläubig ist, soll auch im Anschluss der französischen Doku-Show diskutiert werden. Auf der Website von France 2 findet aktuell eine Debatte mehrerer Experten statt, heute folgt die Dokumentation «Die Ära des verfügbaren Gehirns». Sie rollt die Geschichte von Grenzüberschreitungen im französischen Fernsehen seit den achtziger Jahren auf. Zu diesem Thema haben die Sendungsmacher auch ein Buch veröffentlicht. «Die Erfahrung des Extremen», eine Anklage über die Macht des Fernsehens über unser Bewusstsein und die Perversionen des Reality-TV. Das Fazit der Autoren: «Die letzte Schritt zur Gewinnung der Zuschaueraufmerksamkeit wird der tatsächliche Mord sein.»
( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )