Zufall oder nicht: Seit der Winter in der Schweiz so richtig angekommen ist und die Temperaturen tief unter den Gefrierpunkt rutschen, sind auffallend viele Mitarbeiter des Schweizer Fernsehens in wärmeren Gefilden unterwegs, wie der Weblog medienspiegel.ch erkannt hat.
Zum Jahreswechsel tauschte selbst «Puls»-Moderatorin Nicole Westenfelder für einmal das Studio im kalten Leutschenbach mit einem Palmenhain im warme Dubai aus, um von dort aus durch die Sendung zu führen. Angeblicher Grund für die ausgefallene Moderationsumgebung, der nicht eben international ausgerichteten Gesundheitssendung: Weil immer mehr reiche Patienten aus dem arabischen Raum sich in Schweizer Spitäler kurieren lassen, flog das Schweizer Fernsehen extra mit einem vierköpfigen Produktionsteam in den Wüstenstaat. Zwei Tage nach der «Puls»-Sendung brachte auch die «Rundschau» einen langen Report aus Dubai.
Letzten Freitag dann strahlt SF Röbi Kollers Dok-Film «Stress im Paradies» aus. Koller stattet der früheren «10vor10»-Moderatorin Jana Caniga in ihrem Ferienressort auf der Karibikinsel Grenada einen Besuch ab. Der 42-minütige Beitrag ist Teil der fünfteiligen Serie «Fortsetzung folgt…», in welchem sich Koller auf die Spuren von Menschen begibt, die schon einmal vom Schweizer Fernsehen porträtiert wurden.
Daniela Lager von «10 vor 10» wiederum war während zwei Wochen auf dem Mekong unterwegs. Vom Drachendelta in Vietnam bis hinauf nach China legte die Moderatorin, unterstützt von Kameramann und Asien-Korrespondent 3800 Kilometer zurück, besuchte Fischfabriken, ritt auf Elefanten, unternahm Ausfahrten mit einem Speedboot und schlug sich mit rabiaten Behörden herum.
Ferien auf Kosten der Gebührenzahler?
Fliehen da die Mitarbeiter vom Schweizer Fernsehen mit Gebührengelder in die Sonne, während Normalsterbliche in der Kälte ausharren müssen? Das Schweizer Fernsehen will auf Anfrage nichts wissen von einer aussergewöhnlichen Ferienlaune auf Seiten der SF-Mitarbeiter: «Wenn es sich thematisch anbietet oder aufdrängt, berichtet SF auch aus dem Ausland», erklärt Sprecher David Affentranger. Eine Häufung von Auslandeinsätzen kann er nicht feststellen.
Wichtiger aber scheint die Frage: Machen solche Reisen in wärmere Gefilde aus programmlicher Sicht überhaupt Sinn, sprich: Zahlen sie sich in einer höheren Einschaltquote aus? Die Sendung «Puls» verfolgte knapp eine halbe Million TV-Zuschauer am Bildschirm. Das Publikum ist also nicht grösser als sonst. Die Sendung «Stress im Paradies» über Jana Caniga dagegen kann man durchaus als Publikumserfolg werten: Über 600'000 Zuschauer verfolgten den Dok-Beitrag.
SF: Wir leisten harte Arbeit
Und schliesslich war nach Angaben von SF auch die «Mekong»-Serie ein Erfolg: «Wir haben festgestellt, dass sich im Verlauf der Sendung mehr Zuschauer dazuschalteten und die Sendung bis am Ende verfolgten», erklärt Affentranger. Auch sei das Feedback des Publikums auf die Serie «sehr positiv» gewesen.
Laut SF finden die Auslandseinsätze innerhalb der regulären Redaktionsbudgets statt. Zusätzliche Kosten verursachen sie nicht immer: Oft seien diese Beiträge sogar günstiger, so Affentranger. Auch von Ferien auf Kosten des Gebührenzahlers will man am Leutschenbach nichts wissen: «Das Drehen von Reisereportagen ist harte Arbeit. Ferien wurden dabei keine gemacht.»
( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )