Falls Sie die letzte Woche in einer Höhle verbracht haben, hier ein Abriss des Castingshow-Märchens: Susan Boyle, eine 47-jährige Arbeitslose aus Schottland, versuchte vergangene Woche bei «Britain’s Got Talent» ihr Glück mit einem Musical-Song. Schon als sie die Bühne betrat, verdrehte das Publikum ob Boyles kurligem Aussehen die Augen - bis sie anfing zu singen. Der Saal tobte, die Jury staunte.
Seither berichten Medien weltweit nonstop. Das Youtube-Video des Auftritts wurde über 100 Millionen Mal angeklickt. Hektoliterweise flossen die Tränen. Nach zehn Tagen durchaus gerechtfertigter Hysterie, sei nun die Frage gestellt: Warum berührt uns Susan Boyle derart? Wir haben die unzähligen Reaktionen von Fans und Kommentatoren unter die Lupe genommen und zehn Thesen formuliert.
- These 1: Der Glaube an eine «höhere Gerechtigkeit»: Wider besseren Wissens möchten wir glauben, dass aus dem hässlichen Entlein ein Schwan werden kann (Aschenputtel-Thema).
- These 2: Psychologischer Feelgood-Boost für die rezessionsgeplagten Zuschauer. Eine Erfolgsstory in Zeiten sich jagender Hiobsbotschaften.
- These 3: Weil wir Boyle aufgrund ihres Aussehens abstempelten, lieben wir sie nun aus einem Schuldgefühl heraus umso mehr. (Was einige Kommentatoren bereits zur Frage führte: Ist Boyle hässlich oder sind wir es?)
- These 4: Statt des erhofften Flops, entpuppte Boyle sich als Talent. In diesem Sinne entlarvte Boyle auch unseren Zynismus. Ein unangenehmes Gefühl, das durch ihren Gesang sogleich wohltuend gelindert wurde.
- These 5: Boyles Gesang, von der Regie im Sekundentakt auf die erstaunten Gesichter der Jury gegengeschnitten, ist perfekt inszeniert.
- These 6: Der ganze Auftritt ist getürkt. Boyle ist in Tat und Wahrheit eine ausgebildete Sängerin, was die Jury sehr wohl wusste.
- These 7: Die rapide und flächendeckende Verbreitung des Clips durch moderne Kommunikationsmittel wie Facebook etc. verlieh Boyles Auftritt zusätzliche Bedeutung. (So verfolgte Schauspielerin Demi Moore die Show am Fernseher und verbreitete ihre Rührung per Twitter).
- These 8: Das Publikum hat genug von perfekt geformten Retorten-Popstars. Susan Boyle entspricht dem Wunsch nach mehr Authentizität im Showbusiness.
- These 9: Es geht um den Aufstieg des sozialen Underdogs: Eine 50-jährige Frau aus der Provinz zeigt der jungen, urbanen Konkurrenz den Meister.
- These 10: Es ist Boyles Stimme. Diese fällt im Vergleich zu Profis zwar ab. Doch ihren Mit-Kandidaten (und den allermeisten anderen Castingshow-Kandidaten weltweit) ist die Engländerin stimmlich haushoch überlegen.
Das Geheimnis von Susan Boyles Erfolg ist wohl eine Mischung aus allen zehn Punkten. Trotzdem: Was macht die Engländerin für Sie speziell? Oder gehören Sie zu jener Fraktion, die nichts mit Boyle anfangen kann? Meinungen bitte unten deponieren.
( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )