TV-Kritik: Als ob Woody Allen in Bremen eine Flatulenz produziert hätte

Von Linus Schöpfer . Aktualisiert am 13.02.2012
Der gestrige «Tatort» «Ordnung im Lot» war wirr und ziemlich langweilig. Keine gute Kombination.
topelement Das Kommissaren-Duo Lürsen und Stedefreund ging sehr gemächlich ans Werk. ARD Mehr Bilder (9)

Womöglich erschiene es dem gemeinen TV-Gucker mittlerweile höchst innovativ, wenn die «Tatort»-Macher mal wieder einen primitiven Bankraub-Plot kredenzen würden: «Hände hoch», ein wenig Geknalle und ein bisschen Geschrei, dann Verfolgungsjagd und Versteckspiel, Spurensuche und Fährtenlesen und schliesslich der grosse Showdown. Mit Sicherheit wäre es jedenfalls eine willkommene Abwechslung unter den zahlreichen psychologisierenden, pädagogisch motivierten Geschichten der letzten Monate.

Auch die gestrige Folge «Ordnung im Lot» aus Bremen mit dem Kommissaren-Duo Lürsen und Stedefreund wirkte bemüht unkonventionell und gehörte in die offenkundig immer beliebtere «Tatort»-Kategorie «Hauptfiguren mit schweren Psychosen und Neurosen». Auch solcherart gepolte Krimis können funktionieren – dieser allerdings tats definitiv nicht.

Eine sehr desperate Hausfrau

Im Zentrum des Films stand die schizophrene, psychotische sowie hochneurotische Sylvia Lange, lebhaft gespielt (der einzige Pluspunkt der Folge) von Mira Partecke. Ein Grossteil des Films wurde vom «Tatort»-Team dazu verwendet, die Ticks und Anfälle Langes, ihre panische Angst vor Ameisen und ihre wahnsinnigen Schutzmassnahmen gegen diese zu bebildern.

Unübersehbar war das Bemühen der Macher um Sensibilisierung und Wissensvermittlung. Das war sicherlich gut gemeint, die mediale Plattform des Wochenend-Krimis wurde mit derlei psychopathologischen Exkursen aber arg überfrachtet. Dass die beiden Kommissare überdies sehr lange im Dunkeln tappten und sonderbar lethargisch zu Werke gingen, war der Spannung ebenfalls nicht zuträglich. Und so evozierte «Ordnung im Lot» den für Krimi-Fans schlimmstmöglichen Stimmungszustand: Langeweile.

Und der Krimi? Ach ja...

Dass die desperate Hausfrau Lange mit ihren wirren Aktionen überhaupt zur Hauptfigur und Hauptverdächtigen avancieren konnte, lag billigerweise an ihrer zufälligen Präsenz bei der Ermordung von Tankstellenbesitzer Jure Tomic. Dessen Geschichte erzählten die Filmemacher beiläufig und eilig komprimiert. Der Kroate stellte sich schliesslich als martialischer Sozialhilfebetrüger heraus; er liess sich umbringen, um seiner armen Frau eine Witwenrente zu sichern – die «Tatort»-Gemeinde hat zweifelsohne schon raffiniertere Mord-Motive gesehen.

Keine Frage, die Macher fokussierten voll und ganz auf die Figur der Silvia Lange. Doch wer sich tatsächlich für filmgewordene Neurosen und Psychosen interessierte (es wird bloss ein Bruchteil der Zuschauer gewesen sein), der kannte bestimmt bereits Woody Allen und David Lynch und wurde ergo gelangweilt und enttäuscht.

Allerdings werdens die «Tatort»-Macher wohl auch in Zukunft schwerlich lassen können, sich im psychedelisch-cineastischen Wettstreit zu überbieten. Deshalb hier gleich ein paar mögliche Ausgangsszenarien für kommende Folgen: Ein Berliner Zoowärter wird vom Affen gebissen und entlässt darauf seine Raubtiere gen Stadt; einer Saarbrückner Sportschützin läuft eine Laus über die Leber, worauf sie ärgerlich wird und jemand Wildfremdes umnietet; ein unterbeschäftigter Wiesbadner Bahnwärter fürchtet das Bore-out an und lässt zum Spass zwei Züge aufeinanderprallen; ein Wiener Geschichtswissenschaftler nimmt LSD, verwandelt sich in Nero und fackelt die Uni ab.

Könnte ja eigentlich ganz lustig sein, dieser sonntagabendliche Psycho-Kram.

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( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 13.02.2012, 09:13 Uhr

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