TV-Kritik: Der Sieg des tiefen Décolletés

Von Philippe Zweifel . Aktualisiert am 23.11.2009
Abschalten oder gleich emigrieren? Die Frage stellte sich auch im Final der «Grössten Schweizer Hits». Und: Wie weiter mit der Sendung? Wir haben die Antworten.
topelement Tief dekolletierter Lockvogel: Francine Jordi gestern in der Sendung «Die grössten Schweizer Hits». Bild: Keystone Mehr Bilder (3)

Gestern war ein grosser Tag für die schöne Francine Jordi. In den «Grössten Schweizer Hits» amtete sie als Finalistin und Mitglied der Gästerunde. Dann durfte sie ihre neue Single vorstellen. Und obendrein gewann sie die Show auch. Eingedenk dieses Multitasking kam der Sieg der stets tiefdekolletierten Sängerin so überraschend daher wie das «Meteo» nach der «Tagesschau». Wettbewerbsverzerrung? Jordis Ko-Talker, der SF-Moderator Beni Thurnheer, wollte davon nichts wissen. «Kleinlich» sei dieser Vorwurf. Und: «Italien hat Berlusconi, wir haben Jordi», so das lustige Schwatzmaul mit einem vorbereiteten Spruch.

Überhaupt die Gästerunde! Musikalisch inkompetent wie eh und je, irritierte sie dieses Mal zusätzlich mit einem Kommentar-Niveau, das noch tiefer war als jenes der dargebotenen Lieder. Etwa bei der Hitbox, deren Thema «Nr.1 Songs» war. Zwar kam man so für ein paar Sekunden in den Genuss toller Musik. Doch die Kommentare der Gästerunde verdorben den Spass stante pede. (Thurnheer: «Let it be» heisst «lass es sein Biene». Jordi: «Mick Jagger ist ein bitzli ein Gruusiger».)

Verklemmte Gästerunde

Trotzdem war es ein aussergewöhnlicher Abend – musste man sich doch immer wieder versichern, dass man nicht dem Musikantenstadl beiwohnte: Vier der fünf Finalisten stammten aus der Volksmusikecke. Dann kam Stephanie Heinzmann, die sogar live sang. Leider nur als Showact - warum eigentlich? Die Frau hat den besseren Song und die bessere Stimme als alle Finalisten. Ach ja, sie unterlag in der Vorausscheidung Francine Jordi.

Wie immer bei den «Grössten Schweizer Hits» stand auch gestern nicht die Musik im Zentrum, sondern die Gästerunde: Wir, die wir hier sitzen, sind alle super und überhaupt sind alle Beiträge super. Allerdings trübte eine unabgesprochene Aktion die harmonische Stimmung auf der Couch; Kilchsperger und Thurnheer blamierten sich, als sie sich zierten, ein spontanes Tänzchen hinzulegen. Und das in einer Musiksendung.

Vorbild Miss-Schweiz-Wahl?

Danach machte sich Francine Jordi für DJ Ötzis musikalisches Verbrechen «Ein Stern» stark, bevor sie mit dem Jodlerklub Wiesenberg ein miserables Playback zum Besten gab. Den Schluss machten vier Tenöre, die «White Christmas» sangen. Dazu rieselte leise der Kunstschnee, im November und im Fernsehstudio notabene. Das alles weckte in einem den leisen Wunsch zu sterben. Oder wenigstens zu emigrieren.

Doch eventuell bleibt uns dieser Schritt erspart. Per «TV-Star» analysierte Francine Jordi kürzlich: «Die Quoten scheinen gut zu sein. Aber ich frage mich schon, was man sich da noch Neues einfallen lassen kann.» Tatsächlich ist die Zukunft der «Grössten Schweizer Hits» ungewiss, das einheimische Liedergut schon lange abgegrast. Bereits dieses Jahr musste man sich deshalb auf aktuelle Hits konzentrieren. Gewiss, die Show könnte analog der Miss-Schweiz-Wahl institutionalisiert werden: Einmal pro Jahr wird der beste Song der Saison eruiert. Es wäre indes ein gewagtes Unternehmen. Denn wenn die vierte Staffel etwas gezeigt hat, dann dies: Rassige Frauen ziehen hierzulande besser als gute Musik.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 23.11.2009, 10:34 Uhr

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