TV-Kritik: Die Komplizen von Wikileaks

Von Denise Jeitziner . Aktualisiert am 15.02.2012
Eine Doku gewährte gestern einen spannenden Einblick in die Wikileaks-Affäre, in der es nur Verlierer zu geben scheint. Julian Assange meldete sich aus dem Hausarrest zu Wort.
topelement Held oder Verräter? Die Wikileaks-Doku versuchte, keine Stellung zu beziehen, und zeigte auf, dass nicht nur Julian Assange, sondern auch den Medien Fehler vorgeworfen werden müssen. Bild: Mehr Bilder (11)

Assange und die Journalisten gegen die USA; die USA gegen Assange; Assange gegen die Journalisten; Wikileaks-Kollegen gegen Assange – die Doku «Wikileaks – Geheimnisse und Lügen», die gestern Abend auf Arte ausgestrahlt wurde, schickte die TV-Zuschauer auf ein ständiges Hin und Her bei der Frage, wer denn nun die Guten und wer die Bösen sind. Sind es die USA, die Kriegsverbrechen vertuschen? Sind es die Medien, die einzig darauf erpicht zu sein scheinen, die Story des Jahres zu liefern? Ist es der Informant, der die geheimen Daten weitergegeben hat? Ist es der Hacker, der ihn auf miese Art verraten hat? Oder ist es Julian Assange, der zu übermütig wurde und die ursprüngliche Idee aus den Augen verlor?

Sonderbarer Moment zu Beginn

Aussage gegen Aussage gegen Aussage. Der Filmemacher Patrick Forbes jedenfalls schien keine Stellung beziehen zu wollen. Irgendwie tat er es dennoch – gleich in der ersten wichtigen Szene, dem Moment, bevor Julian Assange wirklich zu reden begann. Im hellen Wollpulli sass er daheim im Hausarrest.

Forbes fragte Assange, weshalb er Wikileaks gegründet habe, woraufhin Assange zuerst wissen wollte, wie ausführlich er antworten dürfe. «So lange Sie wollen.» Danach schwieg Assange zwei oder drei Sekunden zu lange und setzte erst dann zu einer Antwort an, so, als ob jemand auf den Startknopf des Kassettengeräts gedrückt hätte. Julian Assange wirkte in diesem Moment sonderbar. Ein Gefühl, das sich durch den gesamten Film zog.

Erst die Bewunderung...

Der Anfang der Doku wirkte etwas langatmig, war die Geschichte doch schon unzählige Male erzählt worden, die Geschichte der Gruppe unbekannter Hacker um einen Australier namens Julian Assange, die im Besitz von geheimen Kriegsdokumenten aus Afghanistan und dem Irak waren. Gleichwohl liessen einen die Videoaufnahmen, auf denen unschuldige Zivilisten getötet wurden, erneut erschaudern und an die Anfänge denken, als Wikileaks und Julian Assange noch als Helden galten.

In diese Zeit vor rund eineinhalb Jahren führte der Filmemacher Patrick Forbes auch die Journalisten der drei involvierten Medien «The Guardian», «New York Times» und «Der Spiegel» zurück. Diese sprachen bewundernd von diesem charismatischen, klugen, lockeren, humorvollen, arbeitsamen, mutigen, freundlichen Mann. Und sie erzählten aufgeregt und mit leuchtenden Augen vom geheimen Deal, den Assange und die drei Medien während Monaten ausgeheckt hatten. Einmal fiel der Begriff «James Bond».

...dann der Abgrund

Und dann tat sich ein Abgrund auf. Wikileaks wollte alle geheimen Dokumente ohne Überprüfung veröffentlichen, ohne Rücksicht auf das Leben der Informanten. «Na ja, das sind amerikanische Informanten, die verdienen es zu sterben.» – Dieser Satz von Julian Assange brachte die Allianz zwischen Wikileaks und den Medien ins Wanken, Vergewaltigungsvorwürfe gegenüber Assange zerstörten sie endgültig. «Der britische Journalismus ist die nuttigste, hinterhältigste Industrie, die mir je begegnet ist», wetterte Assange. Und ein «Guardian»-Journalist konterte: «Assange glaubt an die Dinge, die er ausspricht, in dem Moment, in dem er sie ausspricht.»

Mit seiner Doku zeigte Patrick Forbes in kompakter, chronologischer Form, was hinter den Kulissen der Wikileaks-Affäre ablief, vom Anfang bis heute. Diese aufgeregte Stimmung zu Beginn und den Moment, der alles kippte, vermochte er lebhaft zu vermitteln. Er holte alle wichtigen Akteure vor die Kamera, die alle offen zu reden schienen, und würzte die Interviews mit Originalaufnahmen oder dem verhängnisvollen Chat, mit dem alles seinen Lauf nahm. Selbst dem inhaftierten Informanten Bradley Manning versuchte er eine Stimme zu verschaffen, indem er einen seiner Freunde eindrücklich zu Wort kommen liess. Manning sei nur noch eine Hülle dessen, was er einst war, er wirke fahl und apathisch. Mitgefühl schien jedoch niemand für ihn zu haben. «Für uns Journalisten ist er Nebensache», gab einer der Befragten zu. Und Julian Assange fragte: «Ist es besser, tausend Leute sterben zu lassen, statt jemanden zu opfern?» Eine der vielen Fragen in der Affäre, auf die es keine befriedigende Antwort gibt.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 15.02.2012, 10:20 Uhr

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