Die grosse Siegerin mit dem verlegenen Blick: Vreni Schneider. Niemand gewann an olympischen Winterspielen so viele Medaillen wie sie. SF
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Die Schweiz hat es nicht leicht. Das Land und seine Geldtresore werden von allen Seiten angegriffen und niemand scheint ihm beizustehen. Was gibt es da Schöneres, als zurückzuschauen in eine Zeit, als beim Einschalten des TVs noch nicht Roger Köppel sondern Marie-Theres Nadig auf dem Bildschirm erschien? Als die ganze Nation nicht darum bangte, dass hoffentlich keine weitere geklaute Daten-CD auftaucht, sondern dass unser Gold-Vreni bei der Slalomstange nicht einfädelt? Gestern war es so weit: In «Unsere Helden» konnte man wieder einmal richtig stolz auf die Leistungen der Eidgenossen sein, jubeln ob deren Heldentaten und beim Abspielen der Nationalhymne Tränen der Rührung unterdrücken.
Von hinten beginnend wurden in einem Countdown die erfolgreichsten Schweizer Olympia-Teilnehmer präsentiert, wobei für den Erfolg in erster Linie die Anzahl Gold-Medaillen ausschlaggebend waren. Nick Hartmann konnte sich erstmals als Moderator einer grossen Unterhaltungskiste unter Beweis stellen. Ähnlich wie bei «Die grössten Schweizer Hits» hatte er eine Expertenrunde zum Diskutieren um sich versammelt. Wobei von Bernhard Russi, Christina Surer und Marco Rima einzig Russi von Wintersport eine Ahnung hat, die anderen sind für Sprüche (Rima) und Optik (Surer) zuständig.
SF bi de Olympiasieger
«Wenn Sie wüssten, wer hinter den Kulissen alles wartet, es würde Ihnen die Schuhe ausziehen», meinte Hartmann in seiner Einleitung; vielleicht glaubte er, das Publikum zu Hause trüge bei einer solchen Sendung Wanderschuhe. Als er wenig später beteuerte, er sei auf die Helden «gespannt wie ein Regenschirm», begann man sich Sorgen zu machen um diesen Moderator, der kürzlich von einer Zuger Gratiszeitung zum «Zuger des Jahres» erkoren wurde. Die Sorge war unbegründet. Hartmann, den man bisher am TV vor allem als Wanderer und Landfrauenbesucher kannte, erwies sich als Idealbesetzung für eine Sendung, die den unmöglichen Spagat zwischen Glamour und Skihütten-Stimmung zu vollziehen versuchte.
Dies hat vor allem damit zu tun, dass die meisten der präsentierten «Helden» sich trotz ihrer Berühmtheit in ihrem Auftreten kaum von jener Landbevölkerung unterscheidet, die Hartmann in seiner «SF bi de Lüt»-Sendungen besucht. Pirmin Zurbriggen, der Held einer ganzen Generation, war ob den schwärmenden Worten Hartmanns und Russis richtiggehend gerührt. Als Vreni Schneider, «die grösste Schweizer Sportlerin aller Zeiten», als grosse Siegerin auf die Bühne trat, wirkte sie so verloren und unbeholfen, als wäre sie noch nie vor einer Kamera gestanden.
«Halli-Hallooo Herr Bundesrooot»
Eine Ausnahme bildeten die Bob-Olympiasieger von Sapporo 1972, Hausi Leutenegger und Jean Wicki, die mit ihren Sprüchen selbst den Komiker Marco Rima in den Schatten stellten. Leutenegger begrüsste den ebenfalls anwesenden Alt-Bundesrat Adolf Ogi mit dem Singsang: «Halli-Hallooo Herr Bundesrooot». Für den rührendsten Moment des Abends war der Curler Patrick Hürlimann verantwortlich, wie er nach dem Sieg in Nagano laut weinte und dann unter Tränen mit seiner Frau telefonierte, liess auch bei den Gästen im Studio das Augenwasser fliessen.
Nostalgieshows sind eine sichere Sache. Wer lässt nicht gerne Kindheitserinnerungen aufleben, wer schaut nicht gerne zu, wie die Bobfahrer der ersten Stunde in halsbrecherischen Fahrten aus dem Eiskanal katapultiert wurden. Dafür nimmt man sogar in Kauf, einmal mehr einem René Rindlisbacher ausgesetzt zu sein oder einer Denise Bielmann, die sich noch immer in Pose setzt, als habe sie soeben ihre Weltmeisterkür vollendet. Den Abend lässt man sich von solchen Nebensächlichkeiten nicht verderben, den Ärger spart man sich lieber für die nächste Datenklau-Affare auf. Und die kommt bestimmt.
( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )