TV-Kritik: Mit der ARD im Land der Deutschenhasser

Von Philippe Zweifel . Aktualisiert am 09.02.2010
Das Politmagazin «Report München» berichtete gestern über Deutsche in der Schweiz. Und mochte dabei auf kein Klischee verzichten.
topelement Die Lage scheint ernst: Moderatorin Claudia Schick bei der gestrigen Ausgabe von «Report München». Mehr Bilder (8)

Arrogant oder erfrischend direkt? Unentbehrliche Arbeitskräfte? Oder Lohndrücker? Gar Steuerhinterzieher? Die Meinungen über Deutsche in der Schweiz gehen auseinander. Sicher ist: Für die Medien ist die Polemik ein gefundenes Fressen, inzwischen wird selbst in Deutschland darüber berichtet.

So auch in der ARD-Politsendung «Report München». Mit Spannung erwartete man, wie im Heimatland unserer grössten Diaspora die Lage darstellt wird. Leider liess schon der betroffene Ton der Anmoderation nichts Seriöses verheissen. Und tatsächlich flimmerten danach die ersten Klischees über den Bildschirm; ein Schweizer Rentner, der im rhetorischen Schneckentempo etwas von «Aggressionen» stammelte. Sowie eine in Zürich lebende Deutsche, die offenbar immer wieder als «Nazi» beschimpft wird.

Die Meinung des Playmates

Quasi als Beweis für die Ausländerfeindlichkeit der Schweiz schnitt man im Anschluss ein Mini-Statement von Hans Fehr rein. Allerdings wollte der SVP-Nationalrat nicht richtig poltern, sondern äusserte sich bloss über die negativen Auswirkungen der Personenfreizügigkeit. Also auf zur SVP-Zentrale des Kanton Zürich, wo man Yves Gadient den Begriff «Fremdenhass» zu entlocken versuchte, musikalisch unterlegt mit aggressiven Rockriffs. Auch formale Schlampereien schlichen sich ein; Klaus J. Stöhlker wurde bei Aufnahmen zum «Tages-Anzeiger»-Podiumsgespräch über «Deutsche in Zürich» als Kurt Imhof ausgegeben.

Angst vor sozialem Abstieg? Lohndumping? Sprachkomplex? Etwaige Gründe, weshalb es zu den erwähnten Ressentiments kommen soll, wurden im Bericht keine genannt. Auch auf Ausführungen, wieso die Deutschen in die Schweiz emigrieren, wartete man vergebens. Stattdessen kam das deutsche Playmate Alena Gerber zu Wort («ich wurde genötigt, Schweizerdeutsch zu reden») sowie die ehemalige Energy-Radiomoderatorin Katrin Wilde («ich fühlte mich nicht mehr sicher»).

Unheimlicher Drohbrief

Kein Zweifel: Die drei Millionen deutschen Zuschauer, die «Report München» jeweils sehen, mussten das Gefühl haben, dass ihre Landleute hier ganz unten auf der sozialen Leiter um ihr Leben fürchten. Zumal da jene Frau eingespielt wurde, die mit unheimlich verstellter Stimme von einem Drohbrief erzählte: «Ich jage Dir eine Kugel in den Rücken, du elende deutsche Brut.»

Dass es im Zuge einer starken Zuwanderung zu Ressentiments in der Bevölkerung kommt, ist wohl unumgänglich, das zeigt nicht zuletzt der Blick ins Ausland. Die Frage ist vielmehr, wie man damit umgeht. Dass dabei den Medien eine grosse Verantwortung zukommt, dürfte klar sein. Gerade mit Blick auf die bisweilen hysterische Berichterstattung in der Schweiz hatte die Moderatorin gestern recht, als sie abschliessend auf «nachdenklichere Töne» aus unserem Land hoffte. Ein bisschen mehr davon hätte gestern aber auch der ARD nicht schlecht gestanden.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 09.02.2010, 10:48 Uhr

Stichworte

Dossiers

Weitere Artikel Kultur