Chinesischer Film schlägt schwule Zombie-Saga

Aktualisiert am 14.08.2010
Der Film «Han jia» hat den Goldenen Leoparden im internationalen Wettbewerb des Filmfestivals von Locarno gewonnen. Kein Zuspruch fand der als «pornografisch» verschrieene Film «LA Zombie».
Grosse Freude beim Regisseur von «Han jia»: Li Hongqi räumt den goldenen Leoparden ab. Bild: KEYSTONE/AP

Ausser im nationalen Kurzfilmwettbewerb gab es in Locarno keine Auszeichnungen für Schweizer Filme. Auch die im Vorfeld als «pornografisch» verschrieenen Beiträge - «Homme au bain» und «LA Zombie», beide mit dem französischen Pornostar François Sagat - fanden keinen Gefallen bei der Hauptjury.

Sehr angetan sahen sich aber mehrere der zwölf Juries von dem sechsstündigen chinesischen Dokumentarfilm «Karamay», der von einem Brand erzählt, der hunderte von Kindern das Leben kostete, weil sie Parteibonzen den Fluchtweg freihalten mussten. Er erhielt den Preis der Jugendjury und drei lobende Erwähnungen.

Auch der Siegerfilm «Han jia» («Winterferien»), der noch zwei weitere Auszeichnungen erhielt, fällt aus dem Rahmen: Er erzählt in langen, oft unbewegten und kommunikationsarmen Szenen vom trostlosen Leben in der chinesischen Provinz. Das Werk von Li Hongqi lebt von seinem eigentümlichen Humor, etwa wenn ein vernachlässigter Bub «Waisenkind» als Berufswunsch angibt.

Immigration und Mitmenschlichkeit

Mit Humor aufgelockerte Ernsthaftigkeit überzeugte auch das Publikum, das den besten Piazza-Film küren durfte. Es entschied sich für «The Human Resources Manager». Darin überführt ein Personalchef die Leiche einer Angestellten in ihre osteuropäische Heimat und stösst dabei auf kuriose Menschen und bizarre Probleme.

Rein numerisch am meisten Auszeichnungen - den Spezialpreis der Jury und drei Nebenpreise - erhielt «Morgen», der sich ebenfalls um den Themenkreis «Immigration» dreht und auch im östlichen Europa spielt. Hier hilft eine Rumäne einem Türken über die Grenze nach Ungarn.

Auch der Darstellerinnen-Preis des internationalen Wettbewerbs ging nach Osteuropa: An Jasna Duricic in «BeliBeliSvet», ein von vielen Kritikern favorisierter Beitrag, der nach langen Jahren der Abwesenheit das serbische Filmschaffen wieder nach Locarno brachte.

Ausgezeichnete Quartierdokus

Im zweitwichtigsten Wettbewerb «Cineasti del presente» wurde der Goldene Leopard «Paraboles» der Französin Emanuelle Demoris zugesprochen. Es ist der fünte Teil der Dokumentarserie «Mafrouza» über das gleichnamige Viertel in Alexandria.

Auch der Spezialpreis der Jury ging in dieser Sektion an einen Dokumentarfilm über ein spezielles Viertel: Willets Points in Queens, wo die Menschen von der Demontage von Autos und dem Handel mit Ersatzteilen leben. Der Film von Verena Paravel und JP Sniadecki wurde auch als Bester Erstling ausgezeichnet.

Eine Spezielle Erwähnung erntete «Ivory Tower», einer der Publikumslieblinge des Festivals. Er erzählt umwerfend komisch von zwei verfeindeten Brüdern und Schach-Champions, die sich versöhnen, indem sie das siegerlose, pazifistische «Jazz-Chess» erfinden.

Hauptdarsteller, Komponist und Mitautor Chilly Gonzales stellte während der Dreharbeiten einen Weltrekord auf, indem er ohne Pause am Klavier 27 Stunden Filmmusik einspielte.

(bru/sda (Irene Widmer))

Erstellt: 14.08.2010, 21:16 Uhr

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