Herrlich nostalgische Schauplätze: Der trauernde Professor (Colin Firth, l.) sucht vor dem Autokino Trost bei einem Stricher. PD
Ein Mann stirbt. Sein Auge bricht und überzieht sich glasig. Eine grosse Liebe ist tot, rot rinnt das Blut in den Schnee. Zurück bleibt ein anderer Mann, George Falconer (Colin Firth), ein britischer Literaturprofessor in Los Angeles. Falconer ist ein schwuler Professor – sein bigotter Nachbar sähe ihn am liebsten auch tot – und in den süssen James-Dean-Gesichtern seiner Studenten hat er die Verführung stündlich vor Augen. So sehr trauert Falconer um seinen tödlich verunfallten Lebensgefährten, dass wir ihm im Kino am bleichsten, unglücklichsten Morgen seines Lebens begegnen, am Morgen des 30. November 1962 nämlich, an dem Falconer seinen Selbstmord vorbereitet. Es gibt für den Schmerz um die eine grosse Liebe im Leben eben keine Halbwertszeit.
Es wird dann am Abend dieses Tages und am Ende von «A Single Man» ganz anders kommen, nämlich noch viel schlimmer. Dazwischen liegen Stunden der Trauer, der aufkeimenden Hoffnung – sie trägt einen weissen Angorapulli –, der glücklichen Erinnerung und der Freundschaft mit der frustrierten Lebedame Charley (Julianne Moore), die wiederum Falconer als die Liebe ihres Lebens betrachtet und ihrerseits am Alkohol beinah zerbricht. Schon einmal spielte Julianne Moore diese Rolle, im Melodram «Far from Heaven» von Todd Haynes, wo sie als unangepasste Kleinstadtdiva in den 50er-Jahren ihren Mann an einen anderen Mann verlor. Auch das war grosses, schwules Retrokino mit unglaublich schönen Kostümen und Kulissen.
Firth' Oscar-verdächtiges Spiel
Charley und George, das sind zwei, die einst gemeinsam eine goldene Jugend feierten und nun alles Glück auf Erden verloren haben. Ihr Leid ist elementar, ihre Gesichter sind postapokalyptische Katastrophenlandschaften.
Dass George Falconer ausgerechnet von Colin Firth verkörpert wird, ist schier unvorstellbar. Colin Firth! Der romantische Mr. Darcy im durchsichtigen nassen Hemd aus der «Pride and Prejudice»-Kostümserie! Der treue, verletzliche Mark Darcy aus «Bridget Jones»! Der sensible, vertrottelte Dichter aus «Love Actually»! Der schwul gewordene, lustige Ex-Freund von Meryl Streep aus «Mamma Mia!»! Ein feiner Schauspieler, gewiss, ein liebenswerter, selbstironischer Tweed-Brite, wie er im Buche steht. Und nun dies: eine grosse, ernste, tragisch zerrüttete und doch auch frivole Rolle. Eine, die von Firth zuweilen eine solche Härte gegen sein weit weicheres altes Leinwand-Ich verlangt, dass man sein Gesicht gar nicht wiedererkennt. So gross ist das, dass einem allein schon Firth' Spiel vor Staunen das Wasser in die Augen treibt, von der Geschichte ganz zu schweigen.
Die alles verschlingende Macht der Liebe
Colin Firth hat für seinen schwulen Professor schon viele Preise gewonnen. Es begann mit der Auszeichnung als bester Darsteller im letzten Herbst in Venedig, jetzt ist er als bester Hauptdarsteller für einen Oscar nominiert. Mit etwas Glück könnte er ihn auch erhalten, denn der andere, andauernd preisgekrönte Schauspieler der letzten Monate, Christoph Waltz, der letzten Sommer in Cannes zum besten Darsteller wurde, ist nun für einen Oscar als bester Nebendarsteller vorgeschlagen.
Der Regisseur dieses überaus klugen, verhaltenen Films über die alles verschlingende Macht der Liebe und die verheerende Explosionskraft verdrängter Gefühle ist der 48-jährige Modedesigner Tom Ford. Ein Mann der Aussenverbrämung also, höchst erfolgreich und umsichtig, von 1994 bis 2004 der grosse Renovierer und Retter der Marke Gucci, aber keiner, der feinfühlige Tiefenbohrungen über Leben, Lieben und Tod anstellt.
Das Vorbild als Berater
Jedenfalls so lange nicht, bis Ford, der heuer im 24. Jahr mit seinem Partner in einer glücklichen Beziehung lebt, eines Tages an eine andere schwule Langzeitbeziehung und ihre literarische Problembewältigung geriet. «A Single Man» beruht nämlich auf ganz realem Liebesleid. Der britische Schriftsteller Christopher Isherwood (1904–1986) war gerade 60, da gönnte sich sein 31 Jahre jüngerer Lover, der Maler Don Bachardy, eine Beziehungs-Auszeit und verschwand für acht Monate mit einem anderen Mann nach Amerika. Isherwood litt und tobte und beschloss, sich vorzustellen, Bachardy wäre für ihn gestorben – nicht nur bildlich, sondern richtig tot. Und so schrieb er «A Single Man» (1964, auf Deutsch «Der Einzelgänger»), schrieb sich selbst um zum Professor und Bachardy zu dessen brutal verunfallter Liebe. Er schrieb sich seine ganze aus der Realität destillierte Trauer von der Seele in einem zwanghaften inneren Monolog, den George Falconer aus einer leicht sadistischen Beobachterperspektive über sich selbst in der dritten Person hält.
Bachardy kehrte übrigens nach seiner amerikanischen Affäre zu Isherwood zurück, und als Isherwood starb, hatten die beiden ganze 33 Jahre glücklich miteinander gelebt. Aus der Beziehungskrise war ein skandalumwitterter Roman geworden, die Männerliebe im Buch wurde von der Kritik gern unter dem Begriff «Freunde und Wohngefährten» ein bisschen vertuscht.
Regisseur, Drehbuchautor und Produzent
Bachardy, der heute auch in seinen Siebzigern ist, wurde von Tom Ford als Berater zu den Dreharbeiten geholt. Er wurde Fords Authentizitätsgarant, was die Stilfragen jener Epoche betraf. Und weil Tom Ford, der Perfektionist aus der Modewelt, der «A Single Man» als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent zu seiner Single-Man-Verantwortung gemacht hatte, auf jeder Ebene nach der grösstmöglichen Genauigkeit und Schönheit suchte, stellte er auch noch Dan Bishop für die ganze Ausstattung des Films ein. Bishop ist für das kultisch verehrte Design der TV-Serie «Mad Men» zuständig, jenes New Yorker Sixties-Epos um Werber, Whiskys und Weiber, er weiss also wie kein anderer, wie die Sechzigerjahre idealerweise auszusehen haben. Er entwarf das futuristische Glashaus von Falconer, das üppige Diven-Interieur von Charleys Salon, die Tankstelle, das Autokino, die Bar, all die herrlich nostalgischen Schauplätze, die Ford in hochästhetische, körnige, mal ausgebleichte, mal dreist kolorierte Bilder fasste, gerade so, als wäre der Film selbst aus den Sechzigern.
Die pure Glückseligkeit
Nur eines fragt man sich nach diesem makellosen Film etwas niedergeschlagen: Ob eigentlich im amerikanischen Kino immer nur ein gekreuzigter Homo auch ein erfolgreicher Homo sein kann? Ed Harris als sterbender Aidskranker in «The Hours» (er war dafür 2003 Oscar-nominiert), Charlize Theron als hingerichtete Mörderin in «Monster» (es gab dafür 2004 einen Oscar), Heath Ledger und Jake Gyllenhaal als tragisch ineinander verliebte Cowboys in «Brokeback Mountain» (beide Oscar-nominiert 2006), Philipp Seymour Hoffman als innerlich verkrüppelter «Capote» (Oscar 2006), Sean Penn als ermordeter Harvey Milk in «Milk» (Oscar 2009) oder jetzt Colin Firth als George Falconer – lauter glücklose Homosexuelle! Wäre ihr Glück denn im Kino des 21. Jahrhunderts so anstössig? Kaum, oder?
Wahrscheinlicher ist wohl dies: dass das Glück anderer für den Zuschauer sowieso stets eine Banalität darstellt. Dass nur der Tod Unsterblichkeit schafft. Und dass Tränen im Kino weit erfüllender sind als Gelächter. «A Single Man» ist da die pure Glückseligkeit.
(Tages-Anzeiger)