«Moderne Pornos sind wie Usain Bolt»

Interview: Philippe Zweifel . Aktualisiert am 10.09.2009
Zürich bekommt sein eigenes Pornofilm-Festival. Veranstalter Peter Preissle über das Zielpublikum, Masturbationsverbote und Porno-Intellektuelle.
topelement Surreale Szenen prägten frühe Pornofilme: «Night Dreams» von Regisseur Rinse Dream. Mehr Bilder (5)

Herr Preissle, weshalb braucht Zürich ein Pornofilm-Festival?
Ich war in Locarno und habe es ehrlich gesagt ziemlich langweilig gefunden. Da kam mir die Idee, es besser zu machen, und ein eigenes Festival zu gründen. Ausserdem bin ich seit 30 Jahren im Geschäft, habe Filme produziert, Stars kommen und gehen sehen. Ich verstehe mich als eine Art Porno-Archäologe, der den Leuten zeigt, was früher war.

Was erhoffen sie sich vom Festival?
Ich möchte zeigen, was für verrückte Leute früher Pornos gemacht haben. Leute mit Ideen, Leute, die Sinn für Humor hatten. Mit dem Festival will ich auch weg von der Clip-Kultur. Diese Drei-Minuten-Geschichten mit vier, fünf Szenen, in denen durchgehämmert wird – das ist doch wie Usain Bolt, da geht es nur noch um Rekorde. Härter, schneller, mehr. Ich kann damit nichts anfangen, ich stehe zum Beispiel nicht auf Fäkalpornos. Ich will Porno-Kultur.

Ist das kein Widerspruch? Kultur berührt den Geist, Porno den Körper.
Aber beiden liegt Stimulation zugrunde! Sowieso bedeutet Kultur doch für jeden etwas anderes. Für den einen ist es Ländlermusik, für den anderen Klassik. Und für mich ist eben Porno. Seit es den Film gibt, werden nackte Leute abgebildet. Da findet eine Entwicklung statt, die man dokumentieren kann.

Auf welches Publikum zielen Sie ab?
Durchaus auch Menschen, die noch nie einen Porno gesehen haben, die sich noch nie getraut haben, in ein Pornokino zu gehen. Deshalb sind die Türen auch nicht durchgehend geöffnet, wie sonst üblich. Es soll keiner schnell für ein paar Minuten reinkommen. Die Zuschauer sollen die Filme als Ganzes sehen. Wer zu spät kommt, muss in die nächste Vorstellung.

Besteht eine Altersfreigabe?
Ab 18. Da lege ich Wert darauf, ich habe schliesslich auch Kinder. Die gehen mir sowieso schon an die Gurgel, wenn sie sehen, dass der Vater wieder im Zusammenhang mit Pornos in der Zeitung steht.

Sind Jugendliche heute nicht abgebrüht, was Pornos betrifft?
Ich finde, man muss sie vor sich selbst schützen. Gerade im Internet, wo wirklich dreckige Sachen zu finden sind. Ein weiterer Grund, der für mein Festival spricht.

Klingt alles sehr zivilisiert. Dann wird auch nicht masturbiert während der Vorstellung?
Nun, verbieten kann ich das nicht. Aber Zuschauer, die während der Filme masturbieren, tun dies lieber in Kabinen oder halbleeren Sälen. Ein Festival eignet sich dafür eher schlecht. Generell gilt in der Branche: Je voller ein Saal, desto gesitteter geht es zu und her

Dem klassischen Pornokonsumenten sind die gezeigten Filme wohl sowieso zu avantgardistisch, sprich langweilig.
Da haben Sie wahrscheinlich Recht. Die Hartgesottenen sind während des Festival woanders. Dennoch gehe ich davon aus, dass viele Porno-Freunde nur schon aus nostalgischen Gründen vorbeischauen werden. Ich möchte aber betonen, dass ich kein avantgardistisches Festival veranstalte. Solche sind mir suspekt, etwa wie jenes in Berlin, wo Frauengrüpplein über Pornos philosophieren oder Japaner zeigen, mit welchen Bondage-Knöpfen man eine Frau am besten aufhängt. Auch Festival-Seminare, in denen Intellektuelle über Pornos diskutieren, sind mir ein Gräuel.

Geht der klassische Pornokonsument überhaupt ins Kino – oder nur noch ins Web?
Nachdem eine Abwanderung ins Netz stattgefunden hat, beobachte ich wieder eine Erstarkung des Kinos. Man kann sich dort mit Gleichgesinnten treffen. Und Porno auf der grossen Leinwand ist halt nach wie vor besser, als auf dem Computerbildschirm. Der grössere Konkurrent als das Internet ist sowieso die Langstrasse: Heute kostet eine Prostituierte gerade mal zwei Kinoeintritte.

Ihr Festival läuft parallel zum Zurich Film Festival. Zufall?
Ja, das hat sich einfach so ergeben. Was kein Zufall ist: Nachdem ich gehört hatte, dass Til Schweiger ans Zurich Film Festival kommt, lud ich den Porno-Darsteller Will Steiger ein. Ein Schweizer, Grenadier, ein toller Typ, der gut ankommt. Aber vielleicht schaut ja auch der echte Til Schweiger vorbei.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 10.09.2009, 13:21 Uhr

Weitere Artikel Panorama