«Nimmst Du die Pille?»

Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 28.09.2009
Vor 30 Jahren missbrauchte Roman Polanski eine 13-Jährige. Was in jener Nacht geschah – und wie es zur abenteuerlichen Flucht nach Europa kam.
topelement Ihm drohte immer bei Einreise in die USA Gefängnis: Roman Polanski. Jetzt wurde er in der Schweiz verhaftet. Der Regisseur erschuf internationale Leinwand-Klassiker, darunter «Ekel» (1965 mit Catherine Deneuve), «Tanz der Vampire» (1967), «Rosemary's Baby» (1968), «Chinatown» (1974), «Frantic» (1988) und 2002 der Alterserfolg «Der Pianist». Mehr Bilder (29)
Im Frühjahr 1977 erweist Jack Nicholson Roman Polanski einen Freundschaftsdienst mit desaströsen Folgen: Er überlässt dem damals 43-Jährigen seine Villa am Mulholland Drive, wo Polanski für die französische «Vogue» eine Fotostory schiessen will. Als Model posiert die 13-jährige Samantha Geimer, die Polanski in einem Restaurant kennen gelernt hat und die er in Nicholsons Whirlpool ablichten will.

Polanski gibt dem Mädchen Champagner zu trinken und bittet sie, sich nackt in den Whirlpool zu setzen. Dann gesellt er sich zu ihr. «Da kriegte ich Angst», so Samantha später. «Ich sagte, ich habe Asthma und müsse aus dem Wasser.» Auf dem Sofa gibt ihr Polanski eine halbe Tablette Quaalude, ein starkes Beruhigungsmittel. Das helfe gegen das Asthma, so Polanski. Geimers Widerstand bröckelt und Polanski hat mehrmals Sex mit ihr, laut Geimer auch oral und anal. Während des Akts fragt er sie, ob sie die Pille nehme.

Jack Nicholson ist zur Tatzeit nicht im Haus. Seine damalige Freundin, Anjelica Huston, befindet sich indes im Nebenzimmer, will aber nichts mitbekommen haben.

Die Gerichtsverhandlung

Als Geimers Mutter vom Übergriff erfährt, geht sie zur Polizei. Polanski wird verhaftet, gegen eine Kaution von 2500 Dollar jedoch freigelassen. Polanskis Fall wird von Bezirksrichter Lawrence Rittenband gehört. Dieser hat bereits Elvis Presleys Scheidung und Marlon Brandos Sorgerecht-Prozess medienwirksam inszeniert und gilt als unberechenbarer Hardliner.

Samantha Geimers Anwalt schlägt einen Gerichtshandel vor: Seiner Mandantin würde das Trauma eines Prozessauftritts erspart, und Polanski solle sich des «Geschlechtsverkehrs mit einer Minderjährigen» schuldig bekennen; fünf andere, gravierendere Anklagepunkte wie Vergewaltigung würden deshalb fallen gelassen. Polanski bekennt sich schuldig.

Polanski wird zur psychiatrischen Untersuchung in das Chino-Gefängnis eingewiesen und nach 42 Tagen wieder freigelassen. Währenddessen ist der Druck auf Ritterband gewachsen. Im noblen Hillcrest Country Club wird er gefragt, ob er Polanski wirklich so einfach davonkommen lassen wolle: «Das denkt der», habe der Richter geantwortet. «Aber in Wirklichkeit werden wir ihn für den Rest seines Lebens wegschliessen».

Die Flucht

Im Februar 1978 ruft Rittenband Geimers und Polanskis Anwälte zu sich und erklärt ihnen, auf Grund des öffentlichen Drucks könne er den Gerichtshandel nicht mehr aufrechterhalten; das Strafmass könne bis zu 50 Jahren reichen. Einen Tag danach besteigt Polanski ein Flugzeug nach London, von wo er nach Paris weiterreist. Seither hat er die USA nicht mehr betreten.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnetz )

Erstellt: 28.09.2009, 12:10 Uhr

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