Mit der Verleihung des Goldenen Leoparden an den Film «She, a Chinese» ist am Samstag das Filmfestival Locarno zu Ende gegangen. Bei der britisch-deutsch-französischen Koproduktion «She, a Chinese» handelt sich um den zweiten Film der Regisseurin und Romanautorin Xiaolu Guo. Er erzählt von der Odyssee einer jungen Chinesin, die ihre Provinz verlässt um nach Grossbritannien auszuwandern, wo sie eine Fremde bleiben wird. Die 36-jährige Regisseurin Guo will damit der jungen Generation im modernen China eine Vision geben, die über die kulturellen Grenzen und Identitäten hinausgeht.
Die Hauptjury sprach ausserdem den Spezial- und den Regiepreis Alexei Mizgirev für «Buben.Baraban» zu. Der Film spielt in Russland während der schwierigen Übergangsphase Ende der 90er Jahre. Erzählt wird von einer mittellosen Bibliothekarin, deren Liebe sich wegen eines Bagatelldelikts zerschlägt.
Eigenbrötlerin und Chauvinist
Als beste Darstellerin wählte die Hauptjury Lotte Verbeek aus «Nothing Personal». Der Film handelt von zwei dezidierten Einzelgängern, einem Mann und einer Frau, die unter einem Dach leben wollen, ohne persönlich zu werden. Der Beitrag gewann unter anderem auch den Preis für den besten Erstling.
Den Titel «Bester Darsteller» erhielt Antonis Kafetzopoulos aus «Akadimia Platonos» von Filippos Tsitos. Die Komödie über einen Rassisten, der plötzlich damit konfrontiert wird, dass er selber kein Grieche ist, erhielt noch zwei Nebenpreise, darunter den der ökumenischen Jury.
Nebenjurys uneinig mit Hauptjury
Von den insgesamt 33 vergebenen Auszeichnungen war nach «Nothing Personal» «Buben.Baraban» mit vier Nennungen am zweiterfolgreichsten. «She, a Chinese» erhielt ausser dem Hauptpreis keine weiteren.
Drei Preise und lobende Erwähnungen gab es dagegen für «Akadimia Platonos» und den kanadischen Beitrag «La Donation» von Bernard Emon. In «La Donation» kommt eine Ärztin als Stellvertreterin in ein abgelegenes, notleidendes kanadisches Gebiet und zweifelt daran, der grossen Aufgabe, die hier ein Dorfarzt zu erfüllen hat, gewachsen zu sein.
Piazza-Preise von Publikum und Fachjury
Das Publikum auf der Grande Piazza wählte wie erwartet «Giulias Verschwinden» von Christoph Schaub zu seinem Favoriten, eine bittersüsse Ensemble-Komödie über die Zumutungen des Älterwerdens. Die Fachjury des Variety Piazza Grande Award entschied sich dagegen für Detlev Bucks «Same Same but Different».
Den mit Abstand stärksten Publikumsaufmarsch auf der Piazza verzeichnete am Mittwoch der Tessiner Berglegenden-Thriller «La Valle delle ombre» von Mihàly Györik mit 7800 Zuschauern.
Schweizer ohne Chancen
Wie in der Hauptsektion, in der Frédéric Mermouds «Complices» konkurrierte, gingen auch in der Sektion «Filmmakers of the Present» die drei Schweizer Koproduktionen «Yvul», «Mirna» und «The Marsdreamers» leer aus. Hier ging der Goldene Leopard an die amerikanisch-schwedische Koproduktion «The Anchorage», den Jurypreis gewann der italienische Beitrag «Piombo Fuso».
In der nationalen Kurzfilm-Sektion «Leopards of Tomorrow» erhielt Chris Niemeyers «Las Pelotas» den Pardino d'oro. Der Film erzählt von zwei Paaren, Eltern talentierter Fussballspieler, die ihre Gene vereinen um einen Superspieler heranzuzüchten. Einen Silbernen Leoparden erhielt in dieser Sektion «Nachtspaziergang» von Christof Wagner, ein Film über einen Jugendlichen am Rande der Kleinkriminalität, der auf märchenhafte Weise dank Musik die Kurve kriegt. Der Nachwuchspreis ging an «Connie» von Judith Kurmann, ein witziger Film über Machtspiele in einer Mädchen-Töffligang.
Gemischte Bilanz der Veranstalter
Die erste Bilanz des Festivals fiel gemischt aus: Auf der Piazza wurden bei insgesamt zwei verregneten Abenden bis und mit Freitag 53'700 Eintritte registriert. Im Vorjahr waren es bei vier verregneten Abenden mehr noch 56'700 gewesen. Geschäftsführer Marco Cacciacamogna rechnete insgesamt mit einem Rückgang von zehn Prozent. Der Verkauf der Tageskarten für Erwachsene und Studenten ging um je sieben Prozent zurück.
Die 62. Ausgabe des Filmfestivals Locarno war die letzte unter der künstlerischen Leitung von Frederic Maire. Er übernimmt am 1. November 2009 die Leitung der Cinematheque suisse. Sein Nachfolger ist der Franzose Olivier Père.
(vin/ap/sda)