TV-Kritik: Tanz ins Lotterbett

Von Philippe Zweifel . Aktualisiert am 30.11.2009
Endlich ein gelungener SF-Spielfilm: «Frühling im Herbst» handelte von südamerikanischen Rhythmen und schweizerischen Eifersüchteleien. Aber auch von Einsamkeit und Lebenslügen.
topelement Pablo Aguilar als Tanzlehrer und Untermieter Toni und Therese Affolter als Leni. SF Mehr Bilder (7)

Es ist das Rezept, mit dem bereits die «Herbstzeitlosen» (und manche andere Feelgood-Komödie), gepunktet haben: Man nehme ein paar Provinzler und konfrontiere sie mit den ruchlosen Sitten der Aussenwelt. Und so durften gestern Abend auf SF bieder-liebenswürdige Dörfler zu lateinamerikanischen Rhythmen die Hüften kreisen lassen, unter Anleitung eines argentinischen Tanzlehrers, den es zufällig ins Kaff verschlagen hat.

Hauptfigur in Petra Volpes Film war aber nicht der heissblütige Toni Alvarez, sondern die verschlossene Leni Glanzmann. Die 55-jährige Bäckerin muss den Südamerikaner bei sich aufnehmen, nachdem sich herausgestellt hat, dass er wegen ihres Göttikindes Melanie angereist ist, mit dem er in Buenos Aires eine Affäre hatte. Denn: Melanie ist inzwischen mit einem Schweizer verlobt.

Glücksfall Aguilar

Nach der fünften Filmminute war offensichtlich, dass die beiden ungleichen Menschen zu einander finden, aber vor dem finalen Kuss noch unglaublich komplizierte Verwicklungen zu überstehen haben. Doch diese Vorhersehbarkeit, eine chronische Krankheit in SF-Komödien, störte gestern nicht. Statt eines überraschenden Plots setzte Volpe, die auch das Drehbuch schrieb, auf glaubhafte, kaum überzeichnete Figuren.

Sogar der südamerikanische Tanzlehrer, eigentlich eine Steilvorlage für allerlei peinliche Klischees, funktionierte. Das lag auch an Pablo Aguilar, der den Toni spielte. Der argentinische Schauspieler lebt seit ein paar Jahren in der Schweiz, spricht deutsch mit einem authentischen Akzent und lieferte auch sonst eine unaufdringliche Darbietung ab. Ein Glücksfall. Zumal Gilles Tschudi als schmieriger Dancingbesitzer Carlos Gonsalez die Grenzen des Tolerierbaren auslotete.

Erfrischend gut durchdacht

Für eine romantische Komödie war «Frühling im Herbst» in einem überraschend langsamen Tempo inszeniert, auf Knalleffekte wurde weitgehend verzichtet. Ausserdem schnitt der Film auch ernste Themen an: Lebenslügen, Alkoholismus und Liebe zwischen einer älteren Frau und einem jungen Mann. Letzteres bot natürlich auch den Nährboden für allerlei Komik – und Tragik. Etwa wenn sich Lenis gmögiger Lebenspartner wie ein eifersüchtiger Teenager benimmt. Oder als Leni nach einem öffentlichen Kuss mit Toni das Unverständnis des Dorfs entgegenschlägt: Dieser Südamerikaner erkauft sich über Sex doch bloss eine bessere Zukunft in einem fremden Land!

Was nicht ganz aufging, war Tonis wahre Motivation. Wieso verliebt er, der vor kurzem noch einer jungen Blondine nachrannte, sich ausgerechnet in die deutlich ältere Leni? Was genau hat sie ihm zu bieten? Doch das sind Fragen, die man sich bei einem Drama hätte stellen müssen – für eine komödiantische Liebesgeschichte war «Frühling im Herbst» erfrischend gut durchdacht. Und berührend und lustig sowieso.

Wie hat Ihnen der Film gefallen? Meinungen bitte unten eintragen.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 30.11.2009, 11:03 Uhr

Weitere Artikel Kultur