Löst weltweit Begeisterungsstürme aus, so auch in Luzern: Gustavo Dudamel mit dem «Sinfónica de la Juventud Venezolana Simón Bolívar». pd
Da flirren 80 Bögen, sirren die Becken, dröhnt das Blech. Eine richtiggehende musikalische Urgewalt, Ergebnis 200 enthusiastisch gespielter Instrumente, fegt durch den Saal. Und man ist froh, in den Mauern des KKL zu sitzen, jene von Jericho wären nämlich längst eingebrochen. So tönt es, wenn die «Sinfónica de la Juventud Venezolana Simón Bolívar» spielt.
Das Orchester mit dem langen Namen ist Paradepferd eines venezolanischen Musikschulsystems, genannt «El Sistema». Gefördert werden Kinder ab vier Jahren, wobei die meisten aus ärmlichsten Verhältnissen stammen. Statt Kriminalität und Drogen lernen sie durch «Sistema» die Welt von Mozart und Beethoven kennen; die Begabteren durchlaufen so eine fundierte Instrumentalausbildung – und rund 200 schaffen es ins «Sinfónica de la Juventud Simón Bolívar». Jenes Orchester, das seit einigen Jahren auch international Furore macht, vor allem, seit es von seinem berühmtesten Spross und Publikumsliebling Gustavo Dudamel dirigiert wird. Mittlerweile gastiert es in den namhaftesten Konzerthäusern und arbeitet mit Dirigentengrössen wie Simon Rattle und Claudio Abbado zusammen.
Keine Frage, dass da auch die Sympathie mitapplaudiert. Aber die «Sinfónica» hat auch wirklich was drauf! Das stellte sie am Lucerne Festival gleich mehrfach unter Beweis. Am Freitag eröffnete sie die Festspielwoche unter Claudio Abbados Leitung, am Samstag unter jener von Gustavo Dudamel.
Am stärksten in der Stille
Schon wie sie da in Richard Strauss’ «Alpensinfonie» die Nacht heraufziehen liess: eine Nacht, so still und tief und nie enden wollend, dass man förmlich darin zu versinken meinte. Hartnäckig hält sich das Vorurteil, Jugendorchester seien dann mitreissend, wenn sie laut spielen dürfen. Aber dieses Ensemble ist am stärksten in der Stille (das merken sie leider selbst nicht immer).
Weiter ging es Bild für Bild dem musikalisch beschworenen Alpengipfel entgegen, und selten noch hat man Kuhglocken so enthusiastisch bimmeln, Pauken so voll unbändiger Wucht schlagen und ein Klarinettensolo mit solcher Inbrunst blasen gehört. Dass dabei die Technik nicht bis ins letzte Detail mithalten konnte, störte weniger - da warf ein Ensemble dem Publikum mit der Musik gleich auch sein Herz entgegen. Umso besser, dass es in Gustavo Dudamel einen zwar jungen, aber umsichtigen Organisator hatte. So dicht die gigantische Partitur (mit zwölf Hörnern!) auch sein mochte, der Dirigent fand den roten Faden, schälte ihn heraus und versuchte sanft zu bremsen, wo jugendlicher Übermut die Musiker allzu sehr mitriss. Dass ihm dies nicht immer ganz gelang und die Blechbläser dann und wann eine brachiale Schallwelle durch den Saal schickten, war nicht allzu tragisch. Denn hier regierte eben das Pathos. Und bevor man dazu ansetzt, die Nase zu rümpfen: Es war Pathos, so ehrlich empfunden und ungebrochen, wie man es kaum je erleben kann. Und es fand seinen Platz auch in Tschaikowskys «Francesca da Rimini»: Hitzig die Darstellung der Hölle hier und wunderbar das Decrescendo zur innigen Liebesszene. Wenn diese dann ebenfalls mehr die Sprache heisser Liebesschwüre als jene warmer Liebkosungen sprach, so lag das quasi in der Natur der Dinge.
(Tages-Anzeiger)