Die Kunst, Überwachungskameras anzuzapfen

Interview: Rico Bandle . Aktualisiert am 05.06.2009
Die Polizei publiziert Bilder von Überwachungskameras zu Fahndungszwecken. Auch die Künstlergruppe Bitnik veröffentlicht solche Bilder – von fremden Überwachungskameras abgefangen.
topelement Mit solchen Geräten zapfen die Künstler von Bitnik die Überwachungskameras an. Bild: pd Mehr Bilder (8)

Bekannt wurde die Künstlergruppe Bitnik mit ihrem Projekt «Opera Calling», bei dem sie Wanzen im Zürcher Opernhaus versteckte und die Opern live per Telefon übertrug. Jetzt zapfen die Künstler fremde Überwachungskameras an und veröffentlichen zum Teil auch die Bilder.

Seitdem die Polizei Bilder von Überwachungskameras für die Fahndung publiziert, hat das Projekt an Brisanz gewonnen. Carmen Weisskopf, ein Mitglied der Gruppe, spricht über das Projekt.

Sie gehen durch Städte und zapfen Überwachungskameras an. Wie geht das?
Grundsätzlich gibt es zwei Systeme von Überwachungskameras. Jene, die das Signal über Kabel übertragen und jene, bei denen das über Funk geschieht. Wir widmen uns den Funksystemen. Und zwar ganz einfach, ohne irgendetwas zu hacken: Indem wir mit einem mobilen Empfänger durch die Strassen gehen und schauen, was wir alles so empfangen. Das ist eine ganze Menge.

Was sieht man denn da so?
Je nach Stadt und Kultur werden Überwachungskameras für andere Dinge eingesetzt. In London zum Beispiel hat man keinerlei Berührungsängste mit der Überwachung, entsprechend oft werden solche Kameras in Privaträumen eingesetzt. Da fühlt man sich schon sehr als Voyeur, wenn man mit einem Empfangsgerät durch die Stadt läuft. In Rotterdam wird die Technik als Baby-Überwachungssystem verkauft, also als Babyfon mit Bild.

Was machen Sie mit den abgefangenen Bildern?
Einerseits veranstalten wir «Walks», bei denen wir mit Publikum durch eine Stadt spazieren, Überwachungsbilder abfangen und eine neue Sicht auf die eigene Stadt ermöglichen. Livemedien, Kanäle, Signale und deren Umnutzungsmöglichkeiten interessieren uns. Im Moment projizieren wir in einer Galerie in Zürich das abgefangene Livesignal der Überwachungskamera eines benachbarten Polizeipostens. Dort geht es auch um das Gefühl, dass immer etwas passieren könnte, natürlich passiert aber nie etwas. Diese Leere und Langsamkeit fanden wir spannend.

Glauben Sie, der Überwachungswahn hat negative Auswirkungen auf die Gesellschaft?
Wir sehen uns nicht als Kulturkritiker. Wir stellen einfach fest, dass diese Signale vorhanden sind und wollen künstlerisch damit arbeiten.

Die Veröffentlichung von Überwachungskamerabildern ist nach dem Fall der Schläger von Kreuzlingen in aller Munde, von Datenschützern wird das Vorgehen auch kritisiert. Sie veröffentlichen auch solche Bilder. Haben Sie keine Probleme damit?
Vor allem bei den Walks ist genau dies ein grosses Thema. Die Teilnehmer machen sich dauernd Gedanken wie «Darf ich das überhaupt sehen?» oder «Sind wir da nicht zu weit gegangen?». Jeder hat da seine eigenen Grenzen.

Ist dieses Anzapfen von Signalen überhaupt legal?
Wir kennen keine Rechtsprechung zu dem Thema. Wir umgehen keine Sicherheitsschranken, sondern lauschen einem unverschlüsseltem Signal welches nach Aussen dringt - ähnlich wie wenn man mit einem mobilen Empfänger Radio hört.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 05.06.2009, 13:46 Uhr

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