Im Dialog mit dem Teufel

Von Sacha Verna, New York. Aktualisiert am 03.10.2009
Über ein halbes Jahrhundert wurde das «Rote Buch» von C. G. Jung unter Verschluss gehalten. Nun wird der Schatz in einer Ausstellung und Buchausgabe gehoben.
topelement Jungianer sehen in ihm die lange verschollene Bibel: Zwei Seiten aus «Das Rote Buch» von C. G. Jung, das 25 Jahre in einem Banksafe lag.
Es ist ein historischer Augenblick, dem aber jede übertriebene Feierlichkeit fehlt. Würde im oberen Stock nicht ein Chor sphärisch anmutende Gesänge für eine Galaveranstaltung üben, könnte man meinen, die Anwesenden hätten sich an diesem Vormittag zu einer lockeren Kennenlernrunde im New Yorker Rubin Museum eingefunden. So aber ist wenigstens der musikalische Hintergrund dem Anlass angemessen.

Es steht nämlich nichts Geringeres bevor als die Enthüllung des wohl meistmystifizierten Werkes in der Geschichte der Psychologie: C. G. Jungs «Rotes Buch». Ausser einer Handvoll Auserwählter – die meisten von ihnen enge Familienangehörige – hat seit dem Tod des Schweizer Psychologen 1961 niemand dieses Werk zu Gesicht bekommen. 25 Jahre lang lag es in einem Safe der UBS an der Zürcher Bahnhofstrasse. Und eben dort ist es vor einigen Tagen sorgfältig verpackt worden, um in New York ebenso sorgfältig wieder ausgepackt und demnächst zum ersten Mal der Öffentlichkeit gezeigt zu werden: in der Ausstellung «The Red Book of C. G. Jung: Creation of a New Cosmology».

«Es war ein langer Weg», sagt Felix Walder. Der 47-Jährige ist ein Urgrossenkel C. G. Jungs und als Mitglied des C.-G.-Jung-Stiftungsrats dazu ausersehen, die Ankunft des «Roten Buches» in den USA zu überwachen. «Das ‹Rote Buch› galt selbst in unserer Familie immer als etwas Geheimes, als etwas, über das man nicht spricht», sagt Walder. Noch vor einigen Jahren war es undenkbar, es könnte zu einer Ausstellung und zugleich zur Publikation einer Faksimileausgabe des Buches auf Englisch und Deutsch kommen.

Anhänger und bittere Gegner

Jung selber hatte sich in seinem Testament nicht dazu geäussert. Doch die Widerstände gegen derartige Absichten waren innerhalb von Jungs Erbengemeinschaft zu stark. Die einfachste Antwort auf die Frage «Warum?» lautet: Man fürchtete um das Image des illustren Vorfahren. Das «Rote Buch» ist ein zutiefst persönliches Werk. Während 16 Jahren hielt C. G. Jung darin in Texten und Bildern oft wilde und verstörende Träume und Visionen fest.

Jung und seine Lehren vom kollektiven Unbewussten, von der Individuation und den Archetypen verfügten immer schon über mindestens so viele glühende Anhänger wie radikale Gegner. Da schien es nicht ratsam, mehr Leuten als unbedingt nötig Einsicht in die seelischen Abgründe des Meisters zu gewähren. Dass die Veröffentlichung des Werkes das Publikum polarisieren wird, hält Martin Brauen für sehr wahrscheinlich: «Das Buch wird Jung-Skeptiker noch skeptischer machen, und die Jungianer werden darin die Bibel sehen, nach der sie sich so lange vergeblich verzehrt haben.»

Bis 2008 in Zürich tätig

Martin Brauen hat die Ausstellung im Rubin Museum organisiert. Bis vergangenen Jahres war er am Völkerkundemuseum in Zürich tätig. Kaum hatte er seine neue Stelle als Chefkurator im Rubin Museum angetreten, sprach ihn sein neuer Chef Donald Rubin auf C. G. Jung an: «Don wusste von Jungs Interesse an Mandalas, und wir sind ja ein Museum für himalajische und tibetische Kunst, in der diese eine zentrale Rolle spielen.» Mandalas, diese symbolischen Darstellungen kosmischer Kräfte, sind Teil der Ausstellung. Allerdings hatte Rubin in jenem Gespräch auch das «Rote Buch» erwähnt. Für Martin Brauen begannen damit intensive Recherchen, während derer er sich «in die richtigen Kreise» einführen liess, wie er es nennt.

Unter anderem lernte er den Herausgeber des Faksimiles, Sonu Shamdasani, kennen: «Sonu stand eines Tages kurz vor Weihnachten letzten Jahres in der Lobby des Museums», erinnert sich Brauen. «Er sagte, er habe sich umgeschaut und halte dies für den richtigen Ort für eine Präsentation des ‹Roten Buches›.» Danach habe ihn freilich die heikle Phase erwartet: die Verhandlungen mit den Jung-Erben. Als Vorteil erwies sich dabei Brauens Verwandtschaft mit der Psychoanalytikerin und Schriftstellerin Aline Valangin: «Meine Grosstante war selber eine Schülerin von Jung und hat ihn gekannt. Von ihr habe ich eine Menge Jung-Literatur geerbt. Das war eine der Verbindungen, die das Eis schliesslich zum Schmelzen brachten.»

Bei Amazon auf Platz drei

Dass das «Rote Buch» ausgerechnet in New York seine Premiere als Ausstellungsobjekt erlebt, ist insofern passend, als sich C. G. Jung bei Amerikanern seit jeher besonderer Beliebtheit erfreut. «Ich habe mir schon mehrfach sagen lassen, Jung sei hier neben Roger Federer der populärste Schweizer», sagt Martin Brauen. «Ich glaube, den Amerikanern gefällt seine Unkonventionalität und sein Interesse an verschiedenen Religionen. Besonders die Hippie-Generation war ja sehr von ihm angetan.» Auf der Bestsellerliste des Onlinehändlers Amazon liegt die englische Ausgabe des «Roten Buches» derzeit auf Platz drei. Offenbar interessieren sich nicht nur Alt-Hippies für das Werk.

Inzwischen hat die Kennenlernrunde im Rubin Museum aufgehört zu plaudern. Der Moment ist da: Die massgeschreinerte Kiste aus Zürich wird aufgeschraubt und der Inhalt auf den dafür vorbereiteten Tisch gehoben. Ein Mitarbeiter des Museums, natürlich in Latexhandschuhen, schlägt das schützende weisse Tuch zurück: Da ist es, das «Rote Buch», wirklich sehr rot, sehr gross und dick und ledergebunden. Auch Felix Walder wirkt nicht aufgeregter als zuvor. Zusammen mit Martin Brauen untersucht er den Band nach Transportschäden – es sind keine festzustellen. Noch muss entschieden werden, welche Seiten im Original man zuerst präsentieren will. Seite 97 mit dem farbenprächtigen Bild, das entfernt an ein Mosaik erinnert? Oder die Stelle, an der Jung einen Dialog mit dem Teufel führt? In der Ausstellung wird es Besuchern möglich sein, Faksimileausgaben des «Roten Buches» durchzublättern.

Martin Brauen ist davon überzeugt, dass die Zeit reif war, den Schleier des Geheimnisses um dieses Werk zu lüften: «Endlich erfährt man, worum es sich dabei wirklich handelt, und kann es nicht mehr zu etwas stilisieren, das es gar nicht ist.» Felix Walder stimmt Brauen zu. Ihn hat die Lektüre des Buches gleichermassen bewegt und befremdet. Nun ist er gespannt auf die Reaktionen des Publikums: «Meine Generation hat ein ganz anderes Verhältnis zu C. G. Jung als noch seine Kinder. Wir stehen Meinungen und Interpretationen anderer viel offener gegenüber.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2009, 15:00 Uhr

Die Ausstellung

«The Red Book of C. G. Jung: Creation of A New Cosmology», Rubin Museum of Art, New York, 7. Oktober bis 25. Januar 2010.

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